Medizin und Ökonomie

Ist die medizinische Ethik mit ökonomischen Prinzipien vereinbar?

Ist die medizinische Ethik mit ökonomischen Prinzipien vereinbar? - Dieser prägenden Frage war eine gemeinsame Fortbildungsveranstaltung der Bezirksärztekammer und der Bezirkszahnärztekammer Nordbaden in Karlsruhe mit dem Titel "Medizin und Ökonomie. - Verantwortliches ärztliches Handeln im Spannungsfeld von Ethik und Ökonomie" im Januar gewidmet.

In seinem Grußwort beschrieb Dr. Herbert Zeuner, scheidender Präsident der Bezirksärztekammer Nordbaden, seine Sorge über das ärztliche Berufsbild im Wandel. Er sprach sich dafür aus, dass wirtschaftliche Interessen nicht die Arbeit der Ärztinnen und Ärzte bestimmen dürften. Denn die stärkere Ökonomisierung der Medizin habe in der Vergangenheit bereits zur Streichung von rund 50.000 Pflegestellen geführt, die dringend fehlten. Zudem führe der Ruf nach mehr Effizienz ärztlichen Handelns seiner Meinung nach zu Demotivation und sozialem Rückzug, was wiederum ein Grund für den herrschenden Ärztemangel sei. „Wir haben nur eine Ärzteschaft“. Mit diesen mahnenden Worten leitete Dr. Zeuner die Veranstaltung und damit ein lebhafte und ergebnisoffene Diskussion ein.

Prof. Dr. Klaus Mann, Mitautor des Klinik Codex "Medizin vor Ökonomie", sah jedoch keinen grundsätzlichen Gegensatz von Ökonomie und Ethik. Denn nur mit ökonomischem Denken könne ein effizienter Umgang mit Ressourcen erfolgen. Trotzdem stand für ihn fest "Der Mensch hat Würde und keinen Geldwert". Außer dem Wohl der Patientinnen und Patienten, welches durch eine zunehmende Ökonomisierung in Gefahr geraten könnte, sah er außerdem auch das Wohl von Ärztinnen und Ärzten und des Pflegepersonals bedroht.

Die kaufmännische Direktorin des Universitätsklinikums Heidelberg, Irmtraud Gürkan, berichtete aus dem Klinikalltag und den dortigen Problemstellungen. Gerade Krankenhäuser seien einem enormen wirtschaftlichen Druck ausgesetzt. Trotz der Schwierigkeiten, welche die zunehmende Effizienzsteigerung mit sich bringe, sah auch Frau Gürkan Ökonomie und Ethik nicht als Gegensatz, sondern in konstitutiver Ergänzung. Mit begeistertem Applaus reagierten die Zuhörer auf ihren Appell, dass man dem Gesetzgeber und den Krankenkassen so lange auf den Füßen stehen müsse, bis notwendige medizinische Geräte, wie beispielsweise Beatmungsgeräte für Frühgeborene, finanziert würden.

Die ärztliche Geschäftsführerin des St. Katharinen-Krankenhauses Frankfurt am Main, Alexandra Weizel, forderte, Mediziner auch für kaufmännische Fragestellungen zu qualifizieren. So könne man künftig gewährleisten, dass sich Ökonomie und Medizin sinnvoll miteinander verzahnen, anstatt gegeneinander zu arbeiten.

Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg, Dr. Norbert Metke, blickte in seinem Vortrag vor allem auf die Belange der Kassenärzte. Seiner Meinung nach müssten sie jeden Tag aufs Neue den Spagat schaffen, mit den knappen zur Verfügung stehenden Ressourcen alles medizinisch Notwendige möglich zu machen. Allerdings dürfe das Ziel von Ökonomisierung in der Medizin nicht Gewinnmaximierung sein.

Prof. Dr. Petra Thürmann, Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, kritisierte die schlechte Gesundheitskompetenz der Bevölkerung. Zu viele und häufig unnötige Arztbesuche belasteten Kliniken und Praxen. Vorschlag des Sachverständigenrates sei daher eine zentrale Anlaufstelle, sowohl telefonisch als auch in Form eines Klinik-Erstaufnahmetresens. Dort könne eine Ersteinschätzung vorgenommen werden, wonach die Patientinnen und Patienten nach Dringlichkeit und Bedarf auf die Kliniken und Praxen aufgeteilt würden.

Nach Überzeugung von Prof. Thürmann ließe sich die Versorgung in Deutschland zudem mit einer umfangreichen Umstrukturierung nach dänischem Vorbild verbessern. Dazu sollten Krankenhäuser in überversorgten Gebieten geschlossen und aus den daraus freiwerdenden Finanzmitteln die anderen Kliniken personell und technisch besser ausgestattet werden. Außerdem sprach sie sich dafür aus, die Kliniken besser zu vergüten, wenn sie eine große Zahl von jungen Ärztinnen und Ärzten beschäftigen.

Dr. Norbert Engel, Vorsitzender der Bezirkszahnärztekammer Karlsruhe, stellte fest, dass Gesundheit keine Ware und die Zuwendung zur Patientin und zum Patienten ein Wert an sich sei. Nicht zuletzt deshalb waren sich alle Referenten einig: "Medizin braucht Ökonomie, aber die Ökonomie muss der Medizin dienen".

Der Vizepräsident der Bezirksärztekammer Nordbaden, Prof. Dr. Christof Hofele, schloss die Veranstaltung und bedankte sich bei Dr. Zeuner für die gemeinsamen vergangenen Jahre in der Bezirksärztekammer. Außerdem hob er die hervorragende Zusammenarbeit der Bezirksärzte- und der Bezirkszahnärztekammer Nordbaden hervor, die für die Fortbildung gemeinsam mit dem Vorsitzenden der Akademie für Ärztliche Fortbildung, Prof. Dr. Eberhard Siegel, verantwortlich gezeichnet hatten.


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Die Referenten: Prof. Dr. E. Siegel, Dr. H. Zeuner, I. Gürkan, Prof. Dr. K. Mann, A. Weizel, Prof. D. C. Hofele, Prof. Dr. P. Thürmann, Dr. N. Metke

letzte Änderung am 02.02.2019

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