Fortbildung der Landesärztekammer nahm assistierten Suizid in den Fokus

Intensive Diskussion über Rolle der Ärzteschaft

Der assistierte Suizid und die Ärzteschaft: ein sensibles, kontroverses und für viele auch emotionales Thema. Ärztinnen und Ärzte können in ihrem Berufsalltag jederzeit mit dem Wunsch eines Patienten nach assistiertem Suizid konfrontiert sein. Wie ist also umzugehen mit diesbezüglichen Unsicherheiten und Veränderungen des ärztlichen Selbstverständnisses? Sind Ärztinnen und Ärzte ausschließlich dem Leben und der Gesundheit ihrer Patienten verpflichtet? Oder ist im Einzelfall das Hinausgehen über die rein palliative Sterbebegleitung als letzte Pflicht gegenüber dem Patienten zu sehen?

Die Landesärztekammer Baden-Württemberg bot zu diesem Thema Ende Juni eine hochkarätig besetzte, virtuelle Fortbildungsveranstaltung: Experten verschiedener Fachrichtungen beleuchteten den assistierten Suizid aus ihren jeweiligen Blickwinkeln und kamen nicht nur untereinander ins Gespräch, sondern bezogen auch die online teilnehmenden Ärztinnen und Ärzte ein, die per Chat Fragen stellten und Impulse gaben.

Viel wurde seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum § 217 StGB, das das Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung für nichtig erklärte, diskutiert. Auch die Rolle der Ärzteschaft wurde bereits beleuchtet – zuletzt hatte sich der 124. Deutsche Ärztetag im Mai diesen Jahres mit der Thematik beschäftigt. Die Landesärztekammer sorgte nun mit der Fortbildung dafür, die Diskussion über die Rolle der Ärzteschaft beim assistierten Suizid ins Land zu tragen: „Unsere Ärztinnen und Ärzte sollen in der Breite die Möglichkeit bekommen, unterschiedliche Perspektiven kennenzulernen und eigene Schlüsse daraus zu ziehen“, betonten Dr. Wolfgang Miller, Präsident der Landesärztekammer Baden-Württemberg, sowie Vizepräsidentin Agnes Trasselli gleichermaßen. „Das Thema ist komplex und durchaus kontrovers, es gibt mehr als eine Sichtweise. Umso wichtiger ist es, verschiedene Standpunkte zu erörtern und zu einem eigenen Urteil zu kommen.“ Die Südwest-Ärzteschaft werde mit all ihrem Wissen und Können gefordert sein; die Fortbildung könne ein wichtiger Baustein sein, sich bestmöglich auf schwierige Entscheidungen vorzubereiten.

In der gut frequentierten virtuellen Veranstaltung, die vom Präsidium der Landesärztekammer moderiert wurde, stellte Dr. Miller zu Beginn die Komplexität des Themas heraus. Es gehe keinesfalls darum, dem Suizid Vorschub zu leisten; gleichzeitig müssten Ärztinnen und Ärzte im Angesicht der Problematik umfänglich unterstützt werden. Es gelte, klar herauszuarbeiten, wofür Ärztinnen und Ärzte mit der Bandbreite ihres Wirkens stehen.

Prof. Dr. Karsten Scholz, Leiter der Rechtsabteilung der Bundesärztekammer, referierte über rechtliche Zusammenhänge und Konsequenzen, die sich aus dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts ergaben, und lieferte pointierte Denkanstöße für die weitere Diskussion. Unter anderem stellte er die Fragen, wie es sich mit einem Bedarf für Leitlinien zur Feststellung des freien Willens und mit Beratungsanforderungen und Aufklärungspflichten für die Ärzteschaft bei suizidwilligen Patienten verhalte.
Prof. Dr. Dr. Urban Wiesing, ärztlicher Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin an der Universität Tübingen, beschäftigte sich mit ethischen Gesichtspunkten. Er unterstrich die Bedeutung der gesellschaftlichen Pluralität und verwies unter anderem auf Studien, die die prinzipielle Bereitschaft von Ärztinnen und Ärzten untersuchten, unter bestimmten Bedingungen Patienten beim Suizid zu assistieren. Es gehe darum, der Pluralität gerecht zu werden, hob Prof. Wiesing hervor. Es sei Aufgabe der Ärzteschaft, diejenigen, die über rein palliative Sterbebegleitung hinausgehen wollen, und diejenigen, die dies grundsätzlich ablehnen, vorurteilsfrei und mit gleichen Kräften zu unterstützen.

Dr. Dietmar Beck, Leitender Arzt Palliative Care Team im Diakonie-Klinikum Stuttgart, vermittelte unter anderem einen Eindruck von der Komplexität der palliativmedizinischen Arbeit, bei der Fragestellungen rund um die PEG-Ernährung, die Langzeitbeatmung und die Beachtung von Patientenverfügungen zum medizinischen Alltag gehören. Auch Dr. Beck sprach sich dafür aus, den assistierten Suizid nicht zu stigmatisieren, sondern offen auf neue Entwicklungen zu reagieren.
Monsignore Dr. Christian Hermes, Stadtdekan und Vorsitzender des Caritasrats Stuttgart, stellte christliche Positionen vor und warnte auch vor der Gefahr, dass Druck auf alte und/oder kranke Menschen aufgebaut werden könnte, Suizidhilfe in Anspruch zu nehmen, um Angehörigen und Freunden nicht zur Last zu fallen. Dies habe auch Auswirkungen auf die Gesellschaft als Ganzes. Im ärztlichen Bereich identifizierte er großen Bedarf an berufsethischer Aus- und Weiterbildung für Ärztinnen und Ärzte.

Nach den Vorträgen wurden die Referenten in Diskussionen eingebunden und beantworteten Fragen aus dem Chat. Das Fazit des Kammerpräsidenten und der Vizepräsidentin am Ende der Veranstaltung fiel differenziert aus: Die Diskussion sei noch längst nicht abgeschlossen, gerade Ärztinnen und Ärzten komme bei diesem Thema große Verantwortung zu. Sie seien nicht nur mit medizinischem, sondern auch ganz zentral mit ethischem Know-how gefragt, um Leid bestmöglich zu lindern.

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Prof. Dr. U. Wiesing

02

Msgr. Dr. C. Hermes

03

Kammerpräsident Dr. W. Miller und Vizepräsidentin A. Trasselli

04

Dr. D. Beck und Prof. Dr. K. Scholz

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letzte Änderung am 02.07.2021