Fortbildung nahm Triage in den Fokus

Zu wenige intensivmedizinische Ressourcen und zu viele Patienten, die dringend Hilfe brauchen: Diese Situation stellt Ärztinnen und Ärzte vor Herausforderungen. Wer bekommt eine Behandlung, wer kann aus welchen Überlegungen heraus eine vermeintlich lebensrettende Therapie nicht erhalten? Die Thematik der sogenannten Triage – ohnehin eine Grenzsituation für Ärztinnen und Ärzte – gewinnt durch die Corona-Pandemie zusätzlich an Brisanz, denn vor einer Überlastung der Intensivstationen durch viele schwere Corona-Verläufe wurde und wird immer wieder gewarnt. Eine Online-Fortbildung der Bezirksärztekammer Nordbaden gab interessierten Ärztinnen und Ärzten nun die Möglichkeit, sich dem Themenkomplex der Triage im ambulanten und klinischen Sektor unter medizinischen, ethischen und juristischen Gesichtspunkten zu nähern.

Begrüßt wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Dr. Susanna Colopi-Glage, der Vizepräsidentin der Bezirksärztekammer Nordbaden, sowie von Moderator Prof. Dr. Martin Bentz, Direktor der Medizinischen Klinik III, Städtisches Klinikum Karlsruhe. Anschließend lieferten die hochkarätigen Referenten mit ihren Livestream-Impulsvorträgen Denkanstöße und gaben Einblick in ihre jeweilige praktische Arbeit. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer konnten sich per Chatfunktion durch Fragen und Kommentare an den Diskussionen beteiligen und so die Fortbildung aktiv mitgestalten.

Zu Beginn referierte Prof. Dr. Martin Hausberg, Facharzt für Innere Medizin / Nephrologie sowie internistische Intensivmedizin, Direktor der Medizinischen Klinik I am Städtischen Klinikum Karlsruhe, zum Thema Allokation von intensivmedizinischer Behandlung aus Sicht eines Klinikers. Es folgte Dr. Michael Eckstein, der als niedergelassener Facharzt für Innere Medizin in Reilingen die Sichtweise eines Hausarztes vortrug. Dr. Eckstein betonte in diesem Zusammenhang die Wichtigkeit, das Thema Triage bereits im ambulanten Sektor mit zu bedenken – hier schwerpunktmäßig bei der Behandlung und Einbindung älterer Menschen mit Komorbiditäten. Jürgen Gremmelmaier, Leitender Oberstaatsanwalt der Staatsanwaltschaft Karlsruhe und zudem stellvertretender Kammeranwalt der Bezirksärztekammer Nordbaden, gab Einblick in die strafrechtliche Bewertung ärztlicher Pandemie-Entscheidungen. Zum Abschluss sprach der Medizinethiker Prof. Dr. Georg Marckmann vom Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin an der Ludwigs-Maximilians-Universität München über moralische Aspekte, die es zu bedenken gilt.

Einige Problemstellungen kristallisierten sich im Verlauf der Vorträge als zentrale Punkte heraus: so die Bereiche Dringlichkeit und voraussichtliche Erfolgsaussichten der Behandlung, Patientenwille und Patientenverfügung sowie frühzeitige und kontinuierliche Einbindung von Patienten, Angehörigen sowie Betreuern zu treffende Entscheidungen.

An die Vorträge schloss sich ein reger Austausch zwischen den Referenten und den Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmern an. Es wurde deutlich, dass eine Fortbildung zum Thema Triage gerade in Pandemiezeiten nicht an der Lebenswirklichkeit ärztlicher Praxis vorbeigeht, sondern im Gegenteil auf ein großes Informationsbedürfnis von Ärztinnen und Ärzten stößt. Darüber hinaus sorgte gerade die interdisziplinäre Herangehensweise des Seminars dafür, dass Ärztinnen und Ärzte nicht nur umfassend informiert, sondern auch zum Nachdenken angeregt wurden und vielschichte Überlegungen für Lösungsansätze in einem hochkomplexen Handlungsfeld geliefert bekamen.

 

 

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letzte Änderung am 01.02.2021