Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar

Ärzteschaft unterstützt Ausbau-Pläne der Gedenkstätte Grafeneck

Mehr Raum und mehr Möglichkeiten für die Gedenkstätte Grafeneck: Die Landesärztekammer Baden-Württemberg unterstützt entsprechende Pläne, den für die Erinnerung an die "Euthanasie"-Verbrechen der Nationalsozialisten zentralen Erinnerungsort bei Gomadingen (Kreis Reutlingen) auf der Schwäbischen Alb auszuweiten. Das gibt die Landesärztekammer zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar bekannt.
 
Hinter den Ausbauplänen stehen der Trägerverein der Gedenkstätte, die Samariterstiftung, der das Schloss und das Gelände gehören, sowie das Land Baden-Württemberg. Die Überlegungen sehen vor, die Gedenkstätte räumlich und konzeptionell auszuweiten: So soll ein großer Teil des auf dem Gelände befindlichen Schlosses künftig für die Gedenkstättenarbeit stärker nutzbar gemacht werden. Auf diese Weise könnte eine neue Dauerausstellung entstehen, die das bereits bestehende Dokumentationszentrum ergänzt. Auch könnte ein vielgestaltiger und moderner Seminarbetrieb angeboten werden. Bisher kann das Schloss nur eingeschränkt für die Gedenkstättenarbeit genutzt werden und ist in stark renovierungsbedürftigem Zustand. Die Gedenkstätte, die aktuell über 30.000 Besucher und weit über 400 Besuchergruppen im Jahr empfängt, stößt derweil mit ihren Bildungsangeboten, Ausstellungsflächen sowie Personal- und Finanzmitteln an Grenzen.

Dr. Wolfgang Miller, Präsident der Landesärztekammer zu den Plänen der Gedenkstätte. "Wir unterstützen die räumlichen und organisatorischen Erweiterungsgedanken der Gedenkstätte aus vollem Herzen. Und wir würden uns sehr freuen, wenn die Landes- und die Bundespolitik finanzielle Fördermöglichkeiten prüft, um das Schloss weiter zu erschließen und notwendige Renovierungen voranzutreiben."

Im Rahmen der "Aktion T4" begannen die Nationalsozialisten im Jahr 1940 in der Tötungsanstalt Grafeneck ihre "Euthanasie"-Verbrechen und brachten 10.654 Menschen mit geistigen Behinderungen und psychischen Erkrankungen durch Gas ums Leben – alte wie junge, Erwachsene wie Kinder. Ärzte haben sich damals durch die Auswahl der zur Ermordung vorgesehenen Menschen und durch die aktive Beteiligung an den Tötungen mitschuldig gemacht. Die Opfer kamen unter anderem aus Heil- und Pflegeanstalten und anderen Einrichtungen in Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Die Täter waren auf allen Politik- und Verwaltungsebenen zu finden.

Heute ist die Gedenkstätte Grafeneck mit offener Kapelle und Dokumentationszentrum ein Erinnerungsort für die Opfer der Gräueltaten. Sie dient darüber hinaus als Forschungs- und Bildungsstätte. Auf dem Gelände steht auch das Schloss, das früher Sitz der Täter war, und heute für eine intensivere Gedenkstättenarbeit genutzt werden könnte.

"Es sollte alles dafür getan werden, den Erinnerungsort Grafeneck zukunftsfähig und weiter optimal nutzbar zu machen", betonte Dr. Miller, „das sind wir den Opfern schuldig." Der Kammerpräsident dankte der baden-württembergischen Landesregierung und dem Landtag für die bereits bestehende finanzielle Unterstützung; gleichzeitig appellierte er, diese Hilfe fortzuführen und im Sinne des Schloss-Ausbaus nun zu verstärken. Auch betonte er die nationalstaatliche Relevanz der Gedenkstätte Grafeneck und regte an, eine feste institutionelle Förderung durch den Bund zu etablieren. Die Initiative hierfür müsste von Landesregierung und Landtag ausgehen.

Die Landesärztekammer Baden-Württemberg beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Rolle des Ärztestands in der Zeit des Nationalsozialismus. So hat sie unter anderem den Arbeitskreis "Ethik und Geschichte der Medizin" eingerichtet, einen Studientag zum Thema 70 Jahre Nürnberger Ärzteprozess mit veranstaltet und ein Forschungsprojekt zur Kammerhistorie zwischen 1920 und 1960 auf den Weg gebracht. 2018 verneigte sich die Ärzteschaft durch die Enthüllung einer Gedenktafel in Grafeneck symbolisch vor den Opfern und bekannte sich klar zur damaligen Schuld des Berufsstands an den grausamen Verbrechen.

Ärztekammer-Präsident Dr. Miller sieht die nun geforderte Investition in die Gedenkstätte Grafeneck auch als effektive Maßnahme an, um gegenwärtigen Herausforderungen zu begegnen: "Gedenkstätten sind gerade in der heutigen Zeit ein wichtiger Baustein beim Engagement gegen Rassismus, Antisemitismus und Hass. Auch vor diesem Hintergrund ist es wichtig, für optimale Rahmenbedingungen zu sorgen und der Gedenkstätte Grafeneck eine neue Dimension ihrer Entfaltungskraft zu ermöglichen."

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letzte Änderung am 26.01.2021