Landesärztekammer zieht erstes Zwischenfazit bei Online-Konferenz

Minister Lucha: Ärztinnen und Ärzte haben Corona-Versorgung gewuppt

Wo steht Baden-Württembergs Ärzteschaft in der Corona-Pandemie? Wie gut hat sie bisherige Herausforderungen gemeistert? In der aktuellen Krise stand und steht die Ärzteschaft an vorderster Front. Zu ihrem Aufgabenbereich gehören unter anderem die medizinische Versorgung Infizierter, das Nachverfolgen von Kontaktpersonen sowie das Mitorganisieren mobiler Abstrichzentren und Fieberambulanzen.

Um die Aktivitäten im Rahmen einer Standortbestimmung zu beleuchten, ging die Landesärztekammer Mitte Juli neue Wege: In Zeiten gebotener räumlicher Distanz veranstaltete sie eine Online-Konferenz. Über 100 Funktionsträger - darunter Delegierte der Vertreterversammlung, Vorsitzende der Ärzteschaften sowie die Geschäftsführungen der Ärztekammern - konnten Vorträge von Expertinnen und Experten per Livestream verfolgen und interaktiv Nachfragen stellen.

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Für die Leistungen der Ärzteschaft gab es Lob von oberster Stelle: Der ebenfalls live zugeschaltete Sozialminister Manne Lucha dankte allen Ärztinnen und Ärzten im Land für ihre "sensationelle Arbeit und Unterstützung in der Pandemie“ und bezeichnete sie als verlässliche Partner. „Sie haben den ambulanten und stationären Betrieb gewuppt", lobte Minister Lucha. Würdigung erfuhren auch die im Ruhestand befindlichen Ärztinnen und Ärzte; sie hatten durch Vermittlung der Landesärztekammer in den Landkreisen vor Ort bei Engpässen unterstützt und unter anderem bei der Abstrichentnahme und bei der medizinischen Versorgung geholfen. Der Minister betonte auch die gute Zusammenarbeit aller Akteure im Gesundheitswesen: "Wir sind durch die Krise alle miteinander ein gutes Stück zusammengewachsen."

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Sozialminister M. Lucha

Präsident Dr. Wolfgang Miller skizzierte die Aktivitäten der Landesärztekammer während der Pandemie-Hochphase im Frühjahr und betonte die ihr in Krisenzeiten zukommende Scharnierfunktion: So schrieb die Kammer beispielsweise Ärztinnen und Ärzte außerhalb der Regelversorgung - darunter auch die Ruheständler - an, um sie für die Mithilfe bei der Krisenbewältigung zu gewinnen: Über 2.000 von ihnen signalisierten daraufhin Bereitschaft, die Patientenversorgung vor Ort mit zu sichern. Darüber hinaus bat die Kammer Medizinische Fachangestellte um Unterstützung, vermittelte qualifizierte Ärztinnen und Ärzte für eine Hotline für Menschen mit psychischen Problemen und passte unbürokratisch die Berufsordnung hinsichtlich der ausschließlichen ärztlichen Fernbehandlung an, um Ärztinnen und Ärzten Rechtssicherheit in puncto Telemedizin zu geben. Dr. Miller bilanzierte: "Trotz widriger Rahmenbedingungen wie anfänglichem Mangel an Schutzausrüstung und Corona-Tests ist die Bewältigung der Krise bislang gut gelungen."

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Kammerpräsident Dr. W. Miller

Die Vizepräsidentin der Landesärztekammer, Agnes Trasselli, ist Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin und als Oberärztin der Kinderintensivstation im Städtischen Klinikum Karlsruhe tätig. Sie brachte daher die klinische Perspektive in die Veranstaltung ein und berichtete auch von Erfahrungen weiterer stationär tätiger Ärztinnen und Ärzte. So thematisierte sie unter anderem den anfänglichen Mangel an Schutzausrüstung und die Konsequenz, im Klinik-Alltag genauestens haushalten zu müssen. Sie sprach auch über die Herausforderungen im Patientenmanagement wie beispielsweise die Schwierigkeit, richtig zu differenzieren: "Nicht jeder Fiebernde hat Corona", sagte Frau Trasselli. Die anfangs befürchtete Überlastung der Krankenhäuser sei bisher ausgeblieben, führte die Oberärztin weiter aus und untermauerte dies mit einer Statistik zu Verlegungsfahrten in Baden-Württemberg. Zwar habe es in Einzelfällen Engpässe bei der Patientenversorgung gegeben, Ausweichkapazitäten seien aber immer vorhanden gewesen.

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Kammervizepräsidentin A. Trasselli

Der Facharzt für Innere Medizin Dr. Hans-Otto Bürger, Hausarzt in Vogt und Vorsitzender der Ärzteschaft des Landkreises Ravensburg, unterstrich die Rolle der Hausärzte als Schutzwall gegen Corona – laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung wurden in der ersten Hochphase 85 Prozent aller COVID-19-Patientinnen und Patienten ambulant versorgt. Hausärztinnen und Hausärzte hätten vielerorts das Praxissetting angepasst, beispielsweise durch räumliche und zeitliche Trennung von Patienten, und Möglichkeiten der Telemedizin genutzt, um kontrolliert mehr Patientenversorgung zuzulassen. "Die Sorge vor COVID-19 darf nicht zur Unterversorgung führen", stellte Dr. Bürger klar. Er unterstrich die auch aus Hausarztsicht gute Arbeit der Kassenärztlichen Vereinigung, beispielsweise beim Aufbau von mobilen Abstrichzentren und Fieberambulanzen, und betonte den zentralen Stellenwert von problemorientierter Zusammenarbeit - etwa in den Verwaltungsstäben auf Landkreisebene.

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Dr. H.-O. Bürger

Eine wesentliche Rolle bei der Pandemiebekämpfung spielt auch der Öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD). Speziell in solchen Krisenzeiten fallen ihm grundlegende Management-Aufgaben zu, wie Dr. Karlin Stark, Präsidentin des Landesgesundheitsamts, ausführte: so unter anderem Testungen auf SARS-CoV-2 durchführen, Verdachtsfälle und bestehende Infektionen erkennen, das Meldewesen organisieren, Kontaktpersonen von Infizierten ermitteln und Kontakte nachverfolgen, Quarantänemaßnahmen veranlassen sowie deren Einhaltung begleiten. Nach Dr. Starks Einschätzung sei der „Corona-Flächenbrand“ durch den „Lockdown“ erst einmal gelöscht. Die Herausforderung bestehe nun darin, aufflammende Infektions-Glutnester ausfindig zu machen. Sie warnte: "90 Prozent der Bevölkerung sind nach wie vor empfänglich für eine Infektion. Wenn man dem Virus die Gelegenheit gibt, wird es sich verbreiten." Was also tun, um dies zu verhindern? Dr. Stark skizzierte gezieltes Testen, Testausweitungen bei steigenden Infektionszahlen, zügige Isolierung von Infizierten und Schutz von Risikogruppen beispielhaft als effektive Gegenmaßnahmen.

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Dr. K. Stark

Ein seit Jahren bestehendes Problem im ÖGD ist die personelle Unterbesetzung. Die Präsidentin des Landesgesundheitsamts hob hervor, dass über die Jahre die Stellenanzahl der Fachärzte für öffentliches Gesundheitswesen insgesamt rückläufig sei und dass es in Baden-Württemberg lediglich 400 Ärztinnen und Ärzte im ÖGD (Fachärzte, Nichtfachärzte und Zahnärzte) gebe - gegenüber rund 21.000 Ärztinnen und Ärzten in der ambulanten Versorgung. Für einen leistungsfähigen ÖGD werde nach den Worten von Dr. Stark von der Politik die Bereitschaft benötigt, Gesundheitsämter dauerhaft mit mehr Personal und Technik auszustatten.

Die Landesärztekammer hat auch abseits der Online-Konferenz auf diesen Missstand aufmerksam gemacht: So drückte Kammerpräsident Dr. Miller in diesem Zusammenhang öffentlich sein Unverständnis darüber aus, dass die Vereinigung kommunaler Arbeitgeberverbände die Tarifverhandlungen für Ärztinnen und Ärzte im kommunalen ÖGD aufgrund der aktuellen Entwicklungen im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie bis auf Weiteres abgebrochen hat. „Ärztinnen und Ärzte im kommunalen ÖGD werden damit weiterhin nicht nach dem branchenüblichen Tarif bezahlt, was einen finanziellen Verlust von bis zu 1.500 Euro pro Monat bedeutet. Damit ist verständlich, dass diese wichtige Tätigkeit weiterhin für viele unattraktiv ist“, betonte Dr. Miller. Bei der Bundesärztekammer leitet Dr. Miller gemeinsam mit Dr. Susanne Johna, der Vorsitzenden des Marburger Bundes, die Arbeitsgruppe „ÖGD in der Corona-Pandemie“. Neben einer leistungsgerechten Vergütung fordert die Bundesärztekammer unter anderem eine verlässliche Stellenplanung, die Verankerung des ÖGD im Studium und den Aufbau von entsprechenden Lehrstühlen an medizinischen Fakultäten.

Zentrales Element der online-Veranstaltung waren die Fragen der Zugeschalteten: Gibt es genügend Beatmungskapazitäten im Fall einer neu aufbranden Infektionswelle? Haben sich Fieberambulanzen und Abstrichzentren bewährt? Wie verhält es sich mit Kurzarbeit in Kliniken? Wie praktikabel ist die Ausstellung von Attesten? Unter anderem diese Fragen wurden gestellt. So führte Klinikärztin Trasselli aus, dass in Baden-Württemberg Beatmungskapazitäten hochgefahren wurden und dass das aktuelle Arbeitsaufkommen in Kliniken durch Normalisierungen der Betriebsabläufe teilweise sogar erhöht sei. Hausarzt Dr. Bürger plädierte für den erneuten Einsatz von Testzentren und Fieberambulanzen, sollte es wieder nötig werden. Dr. Stark wies darauf hin, dass Ärztinnen und Ärzte nicht jede Corona-Erkrankung/Nichterkrankung automatisch erkennen und durch Atteste belegen könnten - etwa bei symptomlos Erkrankten oder bei grippalen Infekten, die nach wie vor mit ihren typischen Symptomen auftreten können. Einig waren sich alle Referentinnen und Referenten darin, dass die Bevölkerung kontinuierlich für Infektionsschutzmaßnahmen wie Abstand halten, Hände waschen und Mund-Nasen-Bedeckungen sensibilisiert werden muss.

Die Corona-Gefahr ist nicht gebannt - dennoch sah Kammerpräsident Dr. Miller die Ärzteschaft auch für kommende Herausforderungen gut aufgestellt. So wünschte er der Ärzteschaft auch weiterhin "Besonnenheit und Erfolg für die Bewältigung der Pandemie ohne Angst und für die Versorgung der Menschen in unserem Land."
 

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letzte Änderung am 22.07.2020