Intensiver Austausch zum Thema Genitalverstümmelung

Bei der weiblichen Genitalverstümmelung – auch FGM (englisch: Female Genital Mutilation) genannt – wird Mädchen und jungen Frauen der Genitalbereich verstümmelt, meist ohne Betäubung. Der äußerst schmerzhafte, traumatisierende Eingriff wird häufig mit entsprechendem Verweis auf kulturelle Praxis und/oder ehrbare Tradition gerechtfertigt. Die Opfer leiden oft ihr Leben lang. Wie kann man für diese Problematik sensibilisieren? Was brauchen Betroffene, wie wird man ihnen im ärztlichen Handeln gerecht? Mit diesen Fragen setzt sich auch die Landesärztekammer Baden-Württemberg auseinander. So trafen Kammerpräsident Dr. Wolfgang Miller und der Menschenrechtsbeauftragte Dr. Robin Maitra die kenianische Filmemacherin Beryl Magoko, selbst FGM-Betroffene, zu einem Fachgespräch – natürlich unter Einhaltung aller coronabedingten Hygieneregeln.

FGM ist vor allem in Afrika, in Asien und dem Mittleren Osten verbreitet, findet aber auch in Europa und in Deutschland Anwendung. Laut einer Studie des Bundesfamilienministeriums von 2020 stieg die Anzahl betroffener Frauen und Mädchen in Deutschland auf knapp 68.000 Betroffene (2017: 50.000 Betroffene) – eine weit höhere Dunkelziffer wird vermutet. Ein Grund für die Zunahme ist unter anderem die stärkere Zuwanderung aus Herkunftsländern, in denen FGM praktiziert wird. Laut Terre des Femmes waren darüber hinaus 2019 schätzungsweise über 17.000 Mädchen und junge Frauen hierzulande von Genitalverstümmelung konkret bedroht. Die Landesärztekammer Baden-Württemberg organisiert unter anderem Gelegenheiten für Austausch und Präventionsarbeit, um auf die Problematik aufmerksam zu machen. Diesbezüglich mitgeplante Veranstaltungen wie ein Fachsymposium in Stuttgart wurden allerdings im Oktober wegen der grassierenden Corona-Pandemie abgesagt. So kam es zum Fachgespräch unter Corona-Bedingungen.

Dr. Miller betonte, dass es sich in Deutschland beim Vornehmen von FGM um eine Straftat handle. Daher sei es beständige Aufgabe, Gynäkologinnen und Gynäkologen sowie Ärztinnen und Ärzte für Kinder- und Jugendmedizin intensiv für die Thematik zu sensibilisieren. Dr. Maitra hob hervor, dass FGM daher inzwischen Bestandteil der ärztlichen Aus- und Fortbildung sei. Dennoch sei das Thema vielerorts noch erklärungsbedürftig. Auch reiche die operative Behandlung beschnittener Frauen und Mädchen alleine nicht aus, um effektiv zu helfen; genauso wichtig sei die gründliche, umfangreiche und sensible Beratung und Begleitung Betroffener. Präventive Maßnahmen zur Verhinderung der Durchführung von FGM müssten noch intensiviert werden.

Beryl Magoko brachte die Betroffenen-Perspektive ein: Vielen Opfern von FGM falle es schwer, beim Arztbesuch über Erlebtes zu sprechen. Gleichzeitig seien Ärztinnen und Ärzte aber wichtige Vertrauenspersonen, die viel dazu beitragen könnten, Leid zu lindern. Beryl Magoko setzt sich zudem im Rahmen ihrer Filme mit FGM auseinander: Sie enttabuisiert, gibt Opfern eine Stimme und versucht, durch Fakten und Aufklärung möglichst viele Mädchen und junge Frauen vor FGM zu bewahren.

Das Fachgespräch fand im Vorfeld der Verleihung des Theodor-Haecker-Preises für politischen Mut und Aufrichtigkeit der Stadt Esslingen statt. Beryl Magoko hielt bei der ebenfalls unter Corona-Bedingungen abgehaltenen Preisverleihung die Laudatio für die diesjährige Preisträgerin Rugiatu Neneh Turay; die als entschiedene Aktivistin gegen FGM in Sierra Leone ausgezeichnet wurde.

Die Bevölkerung breit informieren, sichere Räume für den Austausch zwischen Ärztinnen und Ärzten mit Patientinnen schaffen und Grenzen respektieren, die Betroffene ziehen, wenn sie nicht mehr über das Thema reden wollen und können – unter anderem diese Punkte arbeiteten der Kammerpräsident, der Menschenrechtsbeauftragte und die Regisseurin heraus. Zudem verständigten sie sich darauf, den weiteren Austausch zu intensivieren und alle Bemühungen zur Prävention und Verhinderung von FGM voranzutreiben. Hierbei spiegeln die Aktivitäten der baden-württembergischen Ärzteschaft die Anstrengungen der Ärztinnen und Ärzte in ganz Deutschland wider: So hat die Bundesärztekammer FGM als Menschenrechtsverletzung mit schwerwiegenden körperlichen und seelischen Folgen bezeichnet und Empfehlungen zum Umgang mit Betroffenen erarbeitet. Auch Deutsche Ärztetage hatten weltweite Ächtung und Abschaffung von FGM gefordert.

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letzte Änderung am 29.10.2020