Kompetenzen statt Zeiten und Zahlen

Neue Weiterbildungsordnung in Baden-Württemberg

Der Erwerb besonderer ärztlicher Kompetenzen ist das Ziel der Weiterbildung. Die Summe aller erworbenen Kompetenzen prägen die Qualifikation des Facharztes.

Am 1. Juli 2020 tritt in Baden-Württemberg die neue Weiterbildungsordnung in Kraft. Anstelle des bisherigen reinen Ableistens von Zeiten und des Absolvierens einer bestimmten Anzahl von Prozeduren werden jetzt kognitive Kompetenzen und Handlungskompetenzen erworben und nachgewiesen.

Die neue ärztliche Weiterbildung gliedert sich nunmehr in 51 Facharztweiterbildungen, 10 Schwerpunktbezeichnungen und 58 Zusatzweiterbildungen. Die neue Weiterbildungsordnung umfasst 448 Seiten und ist hier abrufbar.

Der Deutsche Ärztetag hat 2017 und 2018 nach langjährigen Beratungen und Abstimmungsprozessen mit den Berufsverbänden und Fachgesellschaften große Teile der neuen Muster-Weiterbildungsordnung beschlossen. Die Landesärztekammer Baden-Württemberg hat sich daraufhin zum Ziel gesetzt, diese Vorlage schnellstmöglich in geltendes Satzungsrecht umzusetzen. Nach entsprechender Beschlussfassung der Vertreterversammlung im Herbst 2019 und anschließender Genehmigung durch das Sozialministerium Baden-Württemberg im Mai 2020, wird das neue Regelwerk in der aktuellen Ausgabe des Ärzteblattes Baden-Württemberg bekanntgemacht. Nachstehend werden die wichtigsten Neuerungen erläutert.

Aufbau und Struktur

Die Grundstruktur des Satzungswerkes mit Abschnitt A (Paragrafenteil), B (Gebiete und Schwerpunktweiterbildungen) und C (Zusatzweiterbildungen) bleibt erhalten. Die neue Weiterbildungsordnung gliedert die Weiterbildung in 51 Facharztweiterbildungen, 10 Schwerpunktbezeichnungen und 58 Zusatzweiterbildungen. Einige der bisherigen Bezeichnungen haben eine Umbenennung erfahren. 10 Zusatzbezeichnungen sind neu in die Weiterbildungsordnung aufgenommen worden.

Die allgemeinen Inhalte der Weiterbildung in Abschnitt B wurden neu gefasst. Sie werden von jeder Ärztin und jedem Arzt in Weiterbildung im Rahmen der Facharzt- und Schwerpunktweiterbildung erlernt. Die allgemeinen Inhalte beschreiben die Grundlagen ärztlichen Handelns und umfassen patientenbezogene, behandlungsbezogene und technisch-diagnostische Inhalte jeweils mit Bezug auf die spezifischen Fragestellungen des jeweiligen Gebietes.

Die Richtlinien über den Inhalt der Weiterbildung, die in der bisher geltenden Weiterbildungsordnung enthalten sind und als gesonderte Verwaltungsvorschriften den Satzungstext konkretisieren, gibt es in der neuen Weiterbildungsordnung so nicht mehr. Soweit Richtzahlen gefordert sind, werden diese nunmehr im Satzungstext abgebildet. Perspektivisch wird der Satzungstext noch durch sogenannte fachlich empfohlene Weiterbildungspläne für die einzelnen Weiterbildungsqualifikationen ergänzt; die Konsentierung hierzu dauert derzeit auf Bundesebene noch an. In Baden-Württemberg wurde daher zunächst auf die Aufnahme von fachlich empfohlenen Weiterbildungsplänen in den Satzungstext verzichtet.

Kompetenzen statt Zeiten und Zahlen

Der Erwerb besonderer ärztlicher Kompetenzen ist das Ziel der Weiterbildung. Die Summe aller erworbenen Kompetenzen, die während der Weiterbildung erlernt werden, prägen die Qualifikation des Facharztes.

Im Vergleich zum bisherigen Satzungstext hat sich der Aufbau und die Darstellung der spezifischen Inhalte verändert: Weiterbildungsinhalte (sogenannte Spiegelstriche) und definierte Untersuchungs- und Behandlungsverfahren werden jetzt in Weiterbildungsmodi und Kompetenzblöcken dargestellt. Die neue Weiterbildungsordnung differenziert zwischen "kognitiven und Methodenkompetenzen" und "Handlungskompetenzen".

Anstelle des reinen Ableistens von Zeiten und des Absolvierens einer bestimmten Anzahl von Prozeduren werden jetzt kognitive Kompetenzen und Handlungskompetenzen erworben und nachgewiesen. Der Erwerb von kognitiven und Methodenkompetenzen zeichnet sich dadurch aus, dass Informationen abgerufen, dargestellt und im Zusammenhang interpretiert werden können. Mit dem Erwerb von Handlungskompetenzen werden die Inhalte nachgewiesen, in denen der Weiterzubildende Erfahrungen und Fertigkeiten bis hin zur eigenverantwortlichen Umsetzung von besonders definierten Weiterbildungsinhalten erwirbt.

Ambulante Weiterbildung
 
Die neue Weiterbildungsordnung trägt dem Trend zur ambulanten Weiterbildung Rechnung. In der Satzung werden nur noch dort stationäre Pflichtabschnitte vorgegeben, wo die stationäre Tätigkeit zum Kompetenzerwerb zwingend erforderlich ist (z. B. Psychiatrie). Wo keine verpflichtenden, stationären Abschnitte vorgeschrieben sind, kann der Kompetenzerwerb auch im ambulanten Bereich erfolgen (z. B. Augenheilkunde, Haut- und Geschlechtskrankheiten, Hals-Nasen-Ohrenheilkunde).

Vorausgesetzt wird immer, dass die in der Weiterbildungsordnung definierten Kompetenzen an der Weiterbildungsstätte erlernt und nachgewiesen werden können. Weiterbildungsinhalte, die im klinischen Bereich nicht angeboten werden, können in Kooperation mit niedergelassenen Weiterbildern vermittelt werden oder umgekehrt. Weiterbildungsverbünde gewinnen so an Bedeutung.

Berufsbegleitende Weiterbildung
 
Von den insgesamt 58 Zusatzweiterbildungen können 24 berufsbegleitend erworben werden. Teilweise setzt der Erwerb dieser Zusatzweiterbildungen nur den Besuch von Weiterbildungskursen (z. B. Rehabilitationswesen) voraus, teilweise wird eine Kombination aus Kursweiterbildung und Fallseminaren, die berufsbegleitend absolviert werden können, gefordert (z. B. Sexualmedizin). Auch besteht bei einigen Zusatzweiterbildungen die Möglichkeit, alternativ zwischen angeleiteter Weiterbildung und einer berufsbegleitenden Variante zu wählen (z. B. Betriebsmedizin, Homöopathie).

eLogbuch

Die neue Weiterbildungsordnung bietet die Möglichkeit, ein elektronisches Logbuch zur Dokumentation der absolvierten Weiterbildungsinhalte zu nutzen. Die Vorbereitungen zur Inbetriebnahme des eLogbuches sind derzeit in Baden-Württemberg noch nicht komplett abgeschlossen; es soll in das Portal der Landesärztekammer Baden-Württemberg integriert werden. Sobald diese Implementierung vollendet ist, erfolgt eine gesonderte Bekanntmachung.

Weiterbildungsinhalte, die derzeit - auch nach neuer Weiterbildungsordnung - erworben werden, sollten zunächst "analog" dokumentiert werden. Eine Papierversion des Logbuches steht hierzu in Kürze zur Verfügung.

Das Logbuch wird vom Arzt/von der Ärztin in Weiterbildung geführt. Der Weiterbilder gibt seinen Weiterbildungsassistenten spätestens anlässlich des Jahresgespräches Auskunft über den Lernfortschritt und dokumentiert dies im Logbuch. Spätestens mit dem Antrag auf Zulassung zur Prüfung wird das Logbuch der Ärztekammer vorgelegt. Auch bereits im Laufe der Weiterbildung kann der Kammer eine Sicht auf das Logbuch eröffnet werden, um so beispielsweise Fragen zur Anrechnungsfähigkeit einzelner Weiterbildungsabschnitte vorab klären zu können.

Weiterbildungsbefugnis

Die Weiterbildung erfolgt an zugelassenen Weiterbildungsstätten unter Anleitung von befugten Ärztinnen und Ärzten oder durch Unterweisung in anerkannten Weiterbildungskursen beziehungsweise Fallseminaren. An diesem Prinzip hält auch die neue Weiterbildungsordnung fest. Bestehende Weiterbildungsbefugnisse gelten zunächst weiterhin zumindest solange, wie der Weiterbilder einen Assistenten oder eine Assistentin nach „alter“ Weiterbildungsordnung weiterbildet.

Die Umstellung auf die neue Weiterbildungsordnung gibt der Ärztekammer Veranlassung, bestehende Weiterbildungsbefugnisse nach und nach zu aktualisieren. Die neue Weiterbildungsordnung stellt an die Weiterbildungsbefugten erhöhte Anforderungen. Der Befugte muss die Angaben des Assistenten im Logbuch prüfen und bestätigen. Auch muss der Befugte den Weiterbildungsfortschritt beobachten und dafür Sorge tragen, dass sämtliche Weiterbildungsinhalte, die von der Weiterbildungsbefugnis umfasst sind, der Ärztin oder dem Arzt in Weiterbildung entsprechend dem Weiterbildungscurriculum vermittelt werden. Wie bisher besteht zusätzlich die Verpflichtung, Weiterbildungszeugnisse auszustellen.

Übergangsbestimmungen

Für Ärztinnen und Ärzte, die ab dem 1. Juli 2020 mit ihrer Weiterbildung beginnen, ist die neue Weiterbildungsordnung Grundlage für die Vermittlung der geforderten Weiterbildungsinhalte.

Ärztinnen und Ärzte, die noch nach der bisherigen Weiterbildungsordnung ihre Weiterbildung begonnen haben, können diese nach den alten Regelungen abschließen. Hierzu gibt es gesonderte Übergangsvorschriften (§ 20). Die Übergangsfristen betragen für Facharztweiterbildungen sieben Jahre und für Schwerpunkt- und Zusatzweiterbildungen drei Jahre. Bei denjenigen, die ihre Weiterbildung in Teilzeit absolvieren, verlängern sich die Fristen individuell entsprechend dem Tätigkeitsumfang. Es besteht für diejenigen Ärztinnen und Ärzte jedoch auch die Möglichkeit, ins neue Recht zu optieren.

Die bisherige Weiterbildungsbefugnis bleibt zunächst gültig. Im Laufe einer dreijährigen Übergangsphase besteht die Möglichkeit, Weiterbildungsassistenten auch auf der Grundlage der neuen Ordnung mit dieser Befugnis weiterzubilden. Kammerseitig ist vorgesehen, die Befugnisse nach und nach zu überprüfen und zu klären, in welchem Umfang Anpassungsbedarf besteht. Einzelheiten hierzu stehen derzeit noch nicht abschließend fest. Es ist jedoch davon auszugehen, dass mit einer bestehenden Weiterbildungsbefugnis auch in Zukunft zumindest teilweise auch nach neuer Weiterbildungsordnung weitergebildet werden kann.

Für den Erwerb neu eingeführter Bezeichnungen - dies sind in Baden-Württemberg zehn Zusatzweiterbildungen - gelten Übergangsbestimmungen (§ 20 Absatz 7).

Im Rahmen des sogenannten Übergangserwerbs ist nachzuweisen, dass der Antragsteller innerhalb der letzten acht Jahre, also im Zeitraum zwischen dem 1. Juli 2012 und dem 30. Juni 2020 regelmäßig an einer zugelassenen Weiterbildungsstätte oder einer vergleichbaren Einrichtung tätig war und mindestens die gleiche Zeit, die der Mindestdauer der Weiterbildung in der beantragten Qualifikation entspricht, schwerpunktmäßig tätig war und dabei umfassende Kenntnisse, Erfahrungen und Fertigkeiten erworben hat. Der Erwerb der Kenntnisse, Erfahrungen und Fertigkeiten ist in geeigneter Form nachzuweisen. Das Übergangsrecht setzt, wie bei allen Bezeichnungen, zusätzlich das erfolgreiche Absolvieren einer Prüfung voraus. Innerhalb einer dreijährigen Übergangsfrist nach Inkrafttreten der neuen Weiterbildungsordnung, also bis zum 30. Juni 2023, können Tätigkeitsabschnitte für den Übergangserwerb berücksichtigt werden.

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letzte Änderung am 12.06.2020