Ärztekammer beauftragt Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung

Forschungsprojekt zur Kammerhistorie

Die Landesärztekammer lässt auf Beschluss ihrer Vertreterversammlung in den nächsten drei Jahren die Geschichte der verfassten Ärzteschaft auf dem Gebiet des heutigen Bundeslandes Baden-Württemberg in der Zeit von 1920 bis 1960 umfangreich wissenschaftlich aufarbeiten. Auftragnehmer ist das Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung unter der Leitung von Prof. Dr. Robert Jütte.

Mit dem Forschungsvorhaben möchte die Landesärztekammer Baden-Württemberg unter anderem in Erfahrung bringen, inwieweit sich die damalige verfasste Ärzteschaft am Programm der Nationalsozialisten zur Zwangssterilisation und "Euthanasie" beteiligte und welche Rolle dabei einerseits die Körperschaft selbst und andererseits einzelne Ärztinnen und Ärzte spielten.

Kammerpräsident Dr. Ulrich Clever sagte bei der Unterzeichnung des Forschungsauftrages: "Als moderne Ärzteschaft müssen wir uns - wie jede Generation - mit dem zuvor Geschehenen auseinandersetzen. Bei dem in unserem Forschungsvorhaben geplanten Zeitraum von 1920 bis 1960 geht es uns nicht nur um die verbrecherischen Taten von Ärzten etwa in Grafeneck oder in Konzentrationslagern, sondern um die sozialdarwinistische Vorgeschichte und die eugenischen Voraussetzungen, auf die die Nazi-Ideologie draufsatteln konnte. Auch nach 1945 war das nicht plötzlich alles verschwunden, wenn auch nach außen kein Thema mehr." Prof. Dr. Robert Jütte fügte hinzu: "Dass das ärztliche Ethos nicht immer alle Ärztinnen und Ärzte gegen die Verblendungen des Nationalsozialismus schützen konnte, macht noch heute betroffen. Wir wollen jetzt unter anderem eruieren, was hierbei ausschlaggebend war und welche Schlüsse daraus für die Zukunft zu ziehen sind."

Angestoßen wurde die Studie durch den Arbeitskreis "Ethik und Geschichte der Medizin", der in der laufenden Wahlperiode erstmals vom Kammervorstand eingesetzt wurde. Der Arbeitskreis hat unter anderem eine Gedenktafel in der Tötungsanstalt Grafeneck angeregt, wo 1940 innerhalb eines Jahres 10 654 Menschen mit geistigen Behinderungen oder psychischen Erkrankungen ermordet wurden. Die Täter waren Ärzte; sie öffneten auf Befehl Adolf Hitlers den Gashahn. Die Gedenktafel wurde im Januar 2018 enthüllt; mit ihr verneigt sich die Landesärztekammer Baden-Württemberg vor den Opfern und bekennt sich zur Schuld der damaligen Ärzte an den dortigen Verbrechen.

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Prof. Dr. R. Jütte und Dr. U. Clever bei der Unterzeichnung des Forschungsauftrages
Foto: OE

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letzte Änderung am 09.04.2018