Ausschließliche ärztliche Fernbehandlung

Hintergrund

Im Sommer 2016 hatte die Landesärztekammer Baden-Württemberg – bundesweit als Vorreiter – ihre Berufsordnung geändert, um die ausschließliche ärztliche Fernbehandlung im Rahmen von Modellprojekten zu ermöglichen. Mit der Ergänzung von § 7, Abs. 4, Satz 3 wurden bundesweit erstmalig Modellprojekte zugelassen, bei denen ärztliche Behandlungen ausschließlich über Kommunikationsnetzte durchgeführt werden. Voraussetzung für derartige Erprobungen ist, dass sie evaluiert und von der Landesärztekammer Baden-Württemberg genehmigt werden.

Bis dahin hatte die ärztliche Berufsordnung die ausschließliche Behandlung über Kommunikationsnetze untersagt; (Video-) Telefonie durfte immer nur mit "Bestandspatienten" erfolgen, also mit Patienten, die der Arzt oder die Ärztin bereits kannte. Die Besonderheit bei ausschließlicher ärztlicher Fernbehandlung ist demnach: Arzt und Patient kennen sich nicht.

Im Rahmen von Modellprojekten, die von der Landesärztekammer Baden-Württemberg genehmigt werden, darf die ausschließliche ärztliche Fernbehandlung nur zwischen baden-württembergischen Ärzten und baden-württembergischen Patienten stattfinden.


Beschluss des Deutschen Ärztetages 2018

Der 121. Deutsche Ärztetag hat im Mai 2018 die (Muster-) Berufsordnung für Ärzte geändert (Details). Der nächste Schritt ist die Übernahme dieser Regelung in die rechtsverbindlichen Berufsordnungen der Landesärztekammern, die bislang noch keine entsprechende Regelung verabschiedet hatten.

Auf die geltende Regelung in der Berufsordnung der Landesärztekammer Baden-Württemberg hat der Beschluss des Deutschen Ärztetags 2018 derzeit keinen Einfluss.

Die Ärztekammer Schleswig-Holstein hatte im April 2018 bereits ihre Berufsordnung geändert und das Verbot der ausschließlichen Fernbehandlung aufgeboben.


Genehmigte Modellprojekte zur ausschließlichen Fernbehandlung in Baden-Württemberg

Von der Landesärztekammer Baden-Württemberg genehmigte Modellprojekte zur ausschließlichen Fernbehandlung (auf Basis von § 7 der Berufsordnung für Ärztinnen und Ärzte):


TeleClinic GmbH: Im Oktober 2017 genehmigte die Landesärztekammer Baden-Württemberg das bundesweit erste Modellprojekt zur ausschließlichen Fernbehandlung von Privatversicherten, das von der TeleClinic GmbH aus München getragen wird. Die behandelnden Ärzte decken verschiedene medizinische Fachrichtungen ab. Kontakt zur TeleClinic kann über App, Web-Plattform, oder Festnetztelefonie hergestellt werden. Das Modellprojekt ist auf zwei Jahre angelegt und richtet sich an Versicherte der Debeka und Barmenia.


Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg: Im Dezember 2017 erhielt die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg die Genehmigung, die ausschließliche Fernbehandlung von Kassenpatienten zunächst in den Modellregionen Tuttlingen und Stuttgart zu erproben. Ab dem 17. Oktober 2018 rollt die KVBW das Modellprojekt landesweit aus. Das Modellprojekt "DocDirekt" soll für mindestens zwei Jahre angeboten werden. Allen baden-württembergischen Vertragsärzten soll ermöglicht werden als sogenannte "Teleärzte" GKV-Patienten mit akuten Behandlungsanlässen im Rahmen des Modellprojekts ausschließlich über Kommunikationsmedien zu behandeln. In sogenannten "Patientennah erreichbaren Portalpraxen" (PEPP) werden Termine für Patienten freigehalten, die über die Fernbehandlung nicht abschließend behandelt werden konnten.


Justizministerium Baden-Württemberg: Im Februar 2018 genehmigte die Landesärztekammer Baden-Württemberg ein Modellprojekt des Justizministeriums Baden-Württemberg: In dem zunächst auf sechs Monate angelegten Modellprojekt sollen Gefangene in Justizvollzugsanstalten telemedizinisch betreut und behandelt werden. Um die medizinische Versorgung auch künftig rund um die Uhr sicherstellen zu können, wird das Justizministerium Videosprechstunden mit einem dezentralen Ärztepool verschiedener Fachrichtungen erproben; unter anderem sollen damit logistisch aufwendige Verlegungen von Gefängnisinsassen vermieden werden.


KRY: Im Februar 2018 genehmigte die Landesärztekammer Baden-Württemberg ein Modellprojekt des deutschen Ablegers des schwedischen Gesundheitsversorgers KRY. Dafür arbeitet KRY mit Ärztinnen und Ärzten aus Baden-Württemberg zusammen, die insbesondere eine hausärztliche/allgemeinmedizinische Qualifikation haben. Die Kommunikation zwischen Arzt und Patient erfolgt live über Video in einer Smartphone- bzw. Tablet-App. KRY arbeitet in Skandinavien und Spanien bereits mit einem Team von mehr als 200 behandelnden Ärzten und hat mit über 250.000 Behandlungen umfassende Expertise in der Durchführung von Videosprechstunden.


Minxli: Im Mai 2018 genehmigte die Landesärztekammer Baden-Württemberg ein zunächst auf ein Jahr angelegtes Modellprojekt des Münchener Unternehmens Minxli. Studierende der Universitäten Heidelberg und Karlsruhe sollen in ihrer neuen Lebensumgebung bei gesundheitlichen Problemen mittels einer Smartphone-App den Kontakt zu baden-württembergischen Ärztinnen und Ärzten aufnehmen können. Diese treten dann in einer Videosprechstunde mit dem Patienten in Dialog, um nach entsprechender Anamnese eine Diagnose zu stellen und gegebenenfalls die Behandlung einzuleiten. – Minxli ist ein Anbieter von Online-Offline-Lösungen für Arztpraxen.


DrEd: Im Mai 2018 genehmigte die Landesärztekammer Baden-Württemberg ein Modellprojekt der deutschen Niederlassung der britischen online-Arztpraxis DrEd. Baden-württembergischen Bürgern wird im Rahmen eines Modellprojektes die ausschließliche Fernbehandlung durch baden-württembergische Ärztinnen und Ärzten zunächst für eine Dauer von zwei Jahren angeboten. Bei Kontaktaufnahme beantwortet der Patient zunächst einen medizinischen Fragebogen, anhand dessen die Ärzte beurteilen, ob eine telemedizinische Beratung und ggf. Behandlung sinnvoll ist. Falls ja erfolgt die Behandlung mit Diagnosestellung und gegebenenfalls Verordnung. Andernfalls wird der Patient an niedergelassene Ärzte verwiesen.


Verordnung von Arzneimitteln im Rahmen der Fernbehandlung (unabhängig vom Anbieter)
Den aktuellen Sachstand gibt die Landtagsanfrage der SPD-Fraktion (16/3161) wieder.


Um Missverständnissen und Verwechslungen vorzubeugen, finden Sie nachstehend kurzgefasste Informationen zu artverwandten Themen:

EXKURS:Telemedizin

"Telemedizin" ist ein Sammelbegriff für verschiedenartige ärztliche Versorgungskonzepte, die als Gemeinsamkeit den prinzipiellen Ansatz aufweisen, dass medizinische Leistungen der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung in den Bereichen Diagnostik, Therapie und Rehabilitation sowie bei der ärztlichen Entscheidungsberatung über räumliche Entfernungen hinweg erbracht werden. Hierbei werden Informations- und Kommunikationstechnologien eingesetzt. Dies ist bei "Bestandspatienten" seit jeher möglich. Details hierzu führt die Bundesärztekammer in der Veröffentlichung "Hinweise und Erläuterungen zur Fernbehandlung" aus.

EXKURS: Videosprechstunde

Bei der sogenannten "Videosprechstunde" handelt es sich um den Kontakt zwischen Arzt und Bestandspatient. Online-Videosprechstunden können seit 1. April 2017 durchgeführt und über die gesetzlichen Krankenkassen abgerechnet werden. (Das E-Health-Gesetz hatte die finanzielle Förderung dieser telemedizinischen Leistung erst ab 1. Juli 2017 gefordert.)  Ärzte können ihren Patienten dabei die weitere Therapie am Bildschirm erläutern oder den Heilungsprozess einer Operationswunde begutachten. So müssen Patienten nicht für jeden Termin in die Praxis kommen. Videosprechstunden dürfen nur von bestimmten Arztgruppen eingesetzt und abgerechnet werden. Sie sind zunächst nur für bestimmte, dafür besonders geeignete Indikationen vorgesehen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung infomiert auf ihrer Website über weitere Details und zertifizierte Anbieter.

letzte Änderung am 23.10.2018

Kompakte und übersichtliche Informationen zur ausschließlichen ärztlichen Fernbehandlung und zu Modellprojekten in Baden-Württemberg finden Sie hier.

Dr. med. Oliver Erens

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