Ärztemangel? - Ärztliche Versorgung in Baden-Württemberg

Die ärztliche Aus- und Weiterbildung, die Leistungshonorierung und die Fernbehandlung stehen nicht nur bei der baden-württembergischen Ärzteschaft im Fokus, sondern sind auch wichtige Themen des 120. Deutschen Ärztetags, der vom 23. bis 26. Mai in Freiburg tagt.

Stuttgart, den 27. April 2017. "Auch Baden-Württemberg ist vom Ärztemangel betroffen. Patienten klagen zu Recht über lange Wartezeiten auf Arzttermine sowie überfüllte Wartezimmer, Notfallpraxen und Klinik-Ambulanzen", erklärt Dr. Ulrich Clever, Präsident der Landesärztekammer Baden-Württemberg (Foto).

Dabei gibt es so viele Ärztinnen und Ärzte wie niemals zuvor: 65.420 Mitglieder zählte die Landesärztekammer Baden-Württemberg zum 31.12.2016. Davon waren 48.606 berufstätig; im ambulanten Bereich rund 19.600, im stationären Bereich rund 24.500 Ärztinnen und Ärzte. (Zur Ärztestatistik)

Unter anderem die Arbeitszeitgesetze haben besonders in den Kliniken dafür gesorgt, dass mehr Ärzte eingestellt wurden, die sich zu Mehreren Stellen teilen, für die früher nur ein Arzt benötigt wurde. Jüngere Ärzte achten heute verstärkt auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die sogenannte Work-Life-Balance. Immer mehr entscheiden sich daher für ein Angestellten-Arbeitsverhältnis statt für das risikoreiche Einzelkämpferleben eines freiberuflichen, niedergelassenen Arztes.

Dr. Clever konstatiert: "Ältere Niedergelassene finden in allen Landesteilen kaum noch Nachfolger, die ihre Praxen übernehmen wollen. Immer häufiger werden Arztsitze ohne Nachfolge aufgegeben, was die Versorgungssituation vor Ort erschwert und die Übernahmewahrscheinlichkeit der benachbarten Praxen verringert, da die Arbeitsbelastung weiter steigt."

Das drückt sich auch im Ärztemangel aus: aktuell gibt es allein in Baden-Württemberg beispielsweise im hausärztlichen Bereich über 100 Angebote zur Praxisübernahme. Mindestens 20 Kommunen suchen aktiv nach Allgemeinmedizinern. Dr. Clever: "In den nächsten fünf Jahren werden in Baden-Württemberg etwa 500 Hausärzte fehlen, weil niedergelassene Ärzte in den Ruhestand gehen und nicht genügend Nachwuchsmediziner zur Verfügung stehen, um diese Lücke zu schließen. Diese Entwicklung macht auch vor dem fachärztlichen Bereich nicht halt; lokale Versorgungsengpässe werden uns leider auch künftig begleiten."

Aus- und Weiterbildung. Zur Lösung des Problems seien erhebliche Anstrengungen nötig, so der Kammerpräsident: "Hier reicht es nicht aus, wie häufig gefordert, die Studienplatzkapazitäten zu erhöhen: Denn wer die Ausbildung der Mediziner ändert, muss etwa zwölf Jahre warten, bis die Ergebnisse in der Patientenversorgung ankommen, denn so lange dauern Studium und Facharztweiterbildung." Die Aktivitäten der Ärztekammer seien da effizienter: Durch Erhöhung der Attraktivität der Allgemeinmedizin beispielsweise konnte in den letzten Jahren eine Zunahme der Zahl der Facharztprüfungen erreicht werden: 2011 gab es im Südwesten nur 122 Prüfungen in der Allgemeinmedizin, im vergangenen Jahr waren es bereits 188. Weiterbildungsverbünde, die den Ärztinnen und Ärzten die Organisation ihrer Weiterbildung erleichtern, führen ebenfalls dazu, dass die Bereitschaft zur Niederlassung steigt. Und die finanzielle Förderung durch das Land, die Kommunen und die Vertragsärzteschaft tun ein Übriges. "Die Landesärztekammer Baden-Württemberg hat gemeinsam mit der Kassenärztlichen Vereinigung und der Krankenhausgesellschaft eine Koordinierungsstelle für die ambulante Weiterbildung von Hausärzten eingerichtet. Darüber hinaus wird sie gemeinsam mit den Universitäts-Lehrstühlen für Allgemeinmedizin ein Kompetenzzentrum Weiterbildung einrichten. Es wird junge Mediziner durch die Weiterbildung führen und begleiten", freut sich Dr. Clever. Darüber hinaus könne die Weiterbildung, die früher nahezu ausschließlich in Krankenhäusern stattfand, inzwischen auch im ambulanten Sektor geschehen, zumal zahlreiche Leistungen wie beispielsweise das Ambulante Operieren durch die Fortentwicklung der Medizin von Kliniken in Praxen verlagert wurden.

Fernbehandlung. Erstmals in Deutschland gestattet die Landesärztekammer Baden-Württemberg, dass ärztliche Behandlungen ausschließlich über Kommunikationsnetze durchgeführt werden. In einer Erprobungsphase wird dies im Rahmen von Modellprojekten geschehen. „Hierbei geht es nicht um eine Verlagerung oder Veränderung der bisherigen ärztlichen Versorgung, sondern um eine Ergänzung. Ein offenes Angebot, wie es im Ausland bereits erfolgreich praktiziert wird, und von dem wir wissen wollen, ob es auch bei uns Akzeptanz in der Ärzteschaft und bei den Patienten findet“, erläutert Dr. Clever. Außerdem wolle die Landesärztekammer die qualitativ hochwertige gesundheitliche Fernberatung von Ärztinnen und Ärzten möglichst lokal und mit dem Kammersiegel versehen bieten – und Patienten nicht zumuten, sich an zumindest fragwürdige kommerzielle Anbieter im Ausland zu wenden.

Vergütung. Der Kammerpräsident sieht auch bei der Vergütung ärztlicher Leistungen Entwicklungspotenzial. Sie müsse attraktiver gestaltet werden, um junge Ärzte im Lande zu halten. "Großbritannien, Skandinavien und die Schweiz bieten vielfach attraktivere Rahmenbedingungen für die ärztliche Berufsausübung - unter anderem gehört dazu auch das Salär", analysiert Dr. Clever. Ziel der Ärzteschaft sei es, unter anderem im privatärztlichen Bereich eine moderne und kontinuierlich auf dem Stand des medizinischen Fortschritts und der Kostenentwicklung gehaltene ärztliche Gebührenordnung zu schaffen, die gleichzeitig den Patienten vor finanzieller Überforderung und den Arzt vor einem ruinösen Unterbietungswettbewerb schütze.

Deutscher Ärztetag. Der 120. Deutsche Ärztetag tagt vom 23. bis 26. Mai in Freiburg. Der Deutsche Ärztetag ist die Hauptversammlung der Bundesärztekammer, das „Parlament der Ärzteschaft“, und findet einmal jährlich an wechselnden Orten statt. Die 17 deutschen Ärztekammern entsenden insgesamt 250 Delegierte zum Deutschen Ärztetag.

Gerade im Bundestags-Wahljahr ist mit zahlreichen gesundheitspolitischen Beschlüssen zu rechnen. Darüber hinaus wird sich der Ärztetag unter anderem mit der Reform der Ärztlichen Weiterbildung und der Novelle der privatärztlichen Gebührenordnung befassen. Außerdem steht die Digitalisierung im Gesundheitswesen auf der Agenda, nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass die Landesärztekammer Baden-Württemberg durch regionale Regelungen hier derzeit bundesweit führend ist.

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letzte Änderung am 27.04.2017