Ärztekammer bemängelt Fehlen gesundheitlicher Betreuung in Bildungseinrichtungen

Schule und Gesundheit

Mitte November veranstalteten die Ausschüsse „Öffentliches Gesundheitswesen“ und „Kinder und Jugendliche“ der Landesärztekammer Baden-Württemberg erstmals ein gemeinsames interdisziplinäres Symposium zur Gesundheitsförderung und -versorgung im Schulkontext. Dieses Thema wird nach Überzeugung der Ausschussmitglieder umso wichtiger, je mehr Zeit Kinder in Bildungseinrichtungen verbringen, während beide Eltern berufstätig sind.

Die Vortragsthemen spannten sich von Chancen und Risiken digitaler Medien über die fortlaufende KIGGs-Studie, zu den Bedarfen chronisch kranker Schülerinnen und Schüler bis hin zu der Herausforderung für Lehrkräfte, die Schulen gesünder beziehungsweise krankenfreundlicher zu gestalten. Es schloss sich eine interdisziplinäre Expertenrunde zum Thema „Gesunde Schule im 21. Jahrhundert“ an, die das lebhaft mitdiskutierende Plenum einbezog.

Es wurde deutlich, dass in allen westlichen Industrienationen (außer in Deutschland und Österreich) die Gesundheitsberufe in den Schulalltag eingebunden sind. Dies erfolgt zumeist in Form von „School Health Nurses“ und wird jetzt beispielsweise auch in Brandenburg und Hessen erprobt. Das Symposium arbeitete zahlreiche gute Gründe heraus, warum Schulkrankenschwestern auch in Baden-Württemberg regelhaft an Bildungsstätten benötigt werden:
So könnten Schüler gesundheitlich besser versorgt und in ihrer Gesundheitskompetenz gestärkt werden. Gesundheitliche Probleme könnten durch Niederschwelligkeit einer settingorientierten Anlaufstelle auch bei Armut früher entdeckt und gemildert werden, schließlich ist Gesundheit sozial ungleich verteilt. Fehltage könnten verringert oder in Fehlstunden mit einer „betreuten Bauchwärmflasche“ im Krankenzimmer umgewandelt werden. Chronisch kranke und behinderte Schülerinnen und Schüler könnten besser in die Regelschule inkludiert werden. Insgesamt ließen sich die Lernvoraussetzungen für gesundheitlich und/oder sozial belastete Schüler verbessert.

Lehrkräfte und vor allem Schulsekretärinnen würden von fachfremden (gesundheitsbezogenen) Aufgaben entlastet, die nicht achtsam gleichzeitig mit einem funktionierenden Unterricht bewältigt werden können.

Eltern von gesundheitlich benachteiligten Kindern würden entlastet, weil sie ihr Kind während der Schulzeit gesundheitlich gut versorgt wüssten. Sie würden bei ihrer eigenen beruflichen Tätigkeit weniger ausfallen, da sie ihre Kinder nicht mehr bei jeder geringfügigen gesundheitlichen Einschränkung abholen müssten.

Pflegefachkräfte (vielleicht auch erfahrene medizinische Fachangestellte) fänden ein neues, attraktives Arbeitsfeld mit familienfreundlichen Arbeitszeiten und einem Stellenprofil, das neue Herausforderungen im Schnittbereich von Gesundheit und Bildung bietet.

Nach Überzeugung der Teilnehmer des Symposiums gibt es zahlreiche gesamtgesellschaftliche Gründe, dieses Thema gerade jetzt auf die Agenda zu setzen. Schulen müssen vermehrt Inklusionsaufgaben schultern und darin unterstützt werden. Eine wesentliche Ressource hierzu wäre ein schulinternes Bindeglied in das Gesundheitssystem hinein, welches hilft, die Vernetzung zwischen diesen beiden Bereichen zu stärken.

In Deutschland wurde in den letzten Jahren gesellschaftlich viel mehr das Familienleben arbeitsfreundlicher gemacht als das Arbeitsleben familienfreundlicher. Das, was in den Familien früher selbstverständlich unentgeltlich und im Stillen geleistet wurde (zumeist von Müttern), ist weniger geworden. Denn auch die Mütter sollen und wollen sich vermehrt der Erwerbsarbeit zuwenden.
Die Möglichkeiten hierzu sind aber ungleich verteilt: So klafft die gesellschaftliche Schere immer weiter auseinander und macht die Gesundheit und den Bildungserfolg gerade in Deutschland in immer wieder beschämender Weise von der sozialen Herkunft abhängig. Dies hängt mit vielen gesellschaftlichen Prioritätensetzungen zusammen. Das Fehlen einer gesundheitlichen Betreuung in deutschen Schulen ist eine solche gesellschaftliche Prioritätensetzung. Dies wird sich nicht nur immer mehr herumsprechen, sondern die Landesärztekammer wird auf diese Problematik aufmerksam machen und Lösungsansätze erarbeiten. Ein erster Schritt auf diesem Weg wurde mit dem Symposium gemacht.

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letzte Änderung am 19.11.2018