Vernichtungsanstalt Grafeneck

Ärzteschaft gedenkt Opfern des Nationalsozialismus

Mit der Enthüllung einer Gedenktafel hat die sich die Landesärztekammer Baden-Württemberg am 18. Januar 2018 vor den Opfern der Tötungsanstalt Grafeneck verneigt und zur Schuld der damaligen Ärzte an den dortigen Verbrechen bekannt.

Genau 78 Jahre zuvor, am 18. Januar 1940, wurde auf direkten Befehl von Adolf Hitler erstmals der Gashahn in Grafeneck geöffnet und damit die Aktion "T4" gestartet. Die Täter waren Ärzte. Innerhalb eines Jahres wurden hier 10.654 Menschen mit geistigen Behinderungen oder psychischen Erkrankungen ermordet. Die baden-württembergische Ärzteschaft mahnt daher auf ihrer Gedenktafel eindringlich, "niemals wieder menschliches Leben für unwert zu erachten".

Die Landesärztekammer Baden-Württemberg setzt sich schon länger intensiv mit der Rolle der baden-württembergischen Ärzteschaft in der Zeit des Nationalsozialismus auseinander. So hat sie in der laufenden Wahlperiode erstmals einen Arbeitskreis "Ethik und Geschichte der Medizin" eingerichtet, der im vergangenen Sommer die Psychiatrie Kehl-Kork und das Vernichtungslager Struthof besucht hat, um sich einen Eindruck von den dortigen Gräueltaten zu machen.

Ferner war die Standesvertretung im Herbst 2017 - aus Anlass 70 Jahre Nürnberger Ärzteprozesse - einer der Veranstalter eines viel beachteten Studientages (Details hier). Über 130 Teilnehmer bewiesen, wie wichtig die Erinnerung an die Rolle der Ärzteschaft im Nationalsozialismus ist. Dass es dabei nicht nur um die Vergangenheit geht, machten Teilnehmer deutlich, als sie von der Bundestagswahl 2017 sprachen und ihre Sorgen und Ängste hinsichtlich des politischen Rechtsrucks zum Ausdruck brachten.

Der Arbeitskreis "Ethik und Geschichte der Medizin" der Landesärztekammer Baden-Württemberg hat auch ein wissenschaftliches Forschungsprojekt zur Kammerhistorie zwischen 1920 und 1960 angestoßen, das in Kürze starten wird. Nach Überzeugung von Kammerpräsident Dr. Ulrich Clever wird die aktive Auseinandersetzung mit der Rolle der Ärzteschaft im Nationalsozialismus die Sensibilität für politische Fehlentwicklungen hinsichtlich des Wertes jedes menschlichen Lebens erhöhen helfen.


Text der Gedenktafel der Landesärztekammer Baden-Württemberg in der Gedenkstätte Grafeneck:

Wir verneigen uns vor den Opfern der Tötungsanstalt Grafeneck.
Wir bekennen uns zur Schuld der Ärzte an diesen Verbrechen.
Wir mahnen, niemals wieder menschliches Leben für unwert zu erachten.
Landesärztekammer Baden-Württemberg am 18. Januar 2018

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Dr. Ulrich Clever, Präsident der Landesärztekammer Baden-Württemberg, und Thomas Stöckle, Leiter der Gedenkstätte Grafeneck bei der Enthüllung der Gedenktafel der baden-württembergischen Ärzteschaft

Beitrag Deutschlandfunk Kultur vom 18.01.2018 

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letzte Änderung am 18.01.2018