Zweiter Landeskongress Gesundheit diskutierte Behandlungsprozesse der Zukunft

Versorgungssteuerung im Mittelpunkt

Ende Januar fand am Rande der MEDIZIN 2017 der zweite Landeskongress Gesundheit Baden-Württemberg statt, für den abermals Ministerpräsident Winfried Kretschmann die Schirmherrschaft übernommen hatte. Nach seinen Worten stehe das Land in Bezug auf die medizinische Versorgung gut da. Diesen hohen Standard gelte es auch künftig zu sichern und den Gesundheitsstandort Baden-Württemberg weiter zu fördern. - Kein Wunder also, dass sich beim Kongress ein breites Spektrum der hiesigen Gesundheitsbranche ein Stelldichein gab. Neben den Spitzenorganisationen der Ärzteschaft waren vor allem auch Politik, Krankenhäuser und Krankenkassen hochrangig vertreten.

Das deutsche Gesundheitssystem sei zwar "auf höchstem Niveau und für unsere Verhältnisse sogar preisgünstig", so Nordwürttembergs Ärztekammerpräsident Dr. Klaus Baier, doch könne es durch übertriebenen "Sparwahn und Ausbeutung von Arbeitskräften" in Gefahr geraten. Um "konkurrenzfähig und leistungsfähig" zu bleiben, gelte es daher, "Ideen, Manpower und Potenziale zu bündeln".

Dies bekräftigte auch Staatssekretärin Bärbl Mielich vom Landesministerium für Soziales und Integration. Das deutsche Gesundheitswesen befinde sich "mitten in einem Strukturwandel". Um die Aufgaben der Zukunft bewältigen zu können, müsse man langfristig auf eine "sektorenübergreifende, patientenorientierte Versorgung" hinarbeiten. Eine entscheidende Rolle spiele dabei die Telemedizin: "Hier müssen wir Bedenken und Ängste nehmen und die Digitalisierung als Chance begreifen."

Ausdrücklich wurde von zahlreichen Rednern die Landesärztekammer Baden-Württemberg gelobt, die im Sommer vergangenen Jahres in ihrer Berufsordnung die ausschließliche telemedizinische Behandlung gestattet hatte. Erste Modellprojekte sollen noch im laufenden Jahr an den Start gehen.

Nach den Worten von Lutz Stroppe, Staatssekretär im Bundesministerium für Gesundheit, werde der Landeskongress Gesundheit dort, "wo noch nicht alles vernünftig, bezahlbar und nutzbringend" sei, Impulse setzen, die schließlich "zu neuen bundesgesetzlichen Regelungen" führen könnten. Deutschland stehe "vor großen Herausforderungen", etwa durch eine zunehmende "altersbedingte Multimorbidität". Oft werde allerdings vergessen, dass es "für ältere Menschen etwas ganz Positives ist, älter zu werden, und unser Gesundheitssystem trägt wesentlich dazu bei." Nun gehe es darum, "die Behandlungsqualität unter dem Blickwinkel der demografischen Entwicklung und im Einklang mit der Finanzierung zu erhalten."

Mit der Umsetzung dieser knappen Zusammenfassung befassten sich zwei konkrete Beispiele aus der medizinischen Praxis: Irmtraut Gürkan, stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Uni-Klinikums Heidelberg, erläuterte das Konzept einer "besseren Versorgung durch vernetzte Strukturen"; Prof. Dr. med. Matthias Schwab, Leiter des Dr. Margarete Fischer-Bosch-Instituts für Klinische Pharmakologie in Stuttgart, sprach über die "Stärkung der ambulanten Patientenversorgung mittels innovativer telemedizinischer Ansätze". Beide stellten faszinierende und beeindruckende Lösungen vor, die bereits heute Teil der täglichen Patientenversorgung sind.

In den Foren des "World Café" am Nachmittag wurden zahlreiche Fragen zu den "Megatrends künftiger Versorgung" weiter vertieft - etwa die "Digitalisierung und Telemedizin", "Ambulante Versorgungspfade" oder die "Aktive Versorgungssteuerung aus Sicht der Patienten".

In einer Podiumsdiskussion unter Einbeziehung des Plenums tauschten sich Vertreter der Spitzenorganisationen des baden-württembergischen Gesundheitswesens unter anderem über die Frage aus, ob es die freie Arztwahl auch in zehn Jahren noch geben könne. Landesärztekammer-Präsident Dr. Ulrich Clever bejahte uneingeschränkt und betonte dabei auch, dass das Vertrauen in den eigenen Arzt mit zunehmendem Alter immer wichtiger werde. Der Chef der Techniker-Krankenkasse in Baden-Württemberg, Andreas Vogt, hielt - aus Gründen der Veranstaltungs-Dramaturgie - dagegen, indem er darauf hinwies, dass sich das Versorgungssystem in den nächsten Jahren unter anderem durch technische Möglichkeiten verändere und der vertraute Arzt vor allem zum Lotsen werde. So wurde die Debatte mit weiteren prominenten Diskutanten zu einem lebendigen Austausch über wichtige aktuelle Themen.

Dass die Versorgung in Deutschland - und vor allem in Baden-Württemberg - einen internationalen Vergleich nicht scheuen muss, wurde im Schlussvortrag von Günter Danner deutlich. Der stellvertretende Direktor der Europavertretung der Deutschen Sozialversicherung räumte endgültig mit der Mär von angeblich leistungsfähigeren Gesundheitswesen im Ausland auf. In "erschütterten Sozialwelten" sei die gezielte Steuerung von Behandlungsprozessen "oft nur die wissenschaftliche Verbrämung längst unkontrollierter Zustände". Er warnte davor, die Versorgungssteuerung zu überschätzen, denn sie stelle doch "nur ein Tool in einem grundsätzlich funktionierendem System dar", jedoch "niemals dessen Ersatz". Das deutsche Gesundheitswesen sei - trotz aller Schwächen - ein Wunschzustand für andere Europäer.

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Angeregte Debatten im World Café

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Podiumsdiskussion

Fotos: Messe Stuttgart

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letzte Änderung am 30.01.2017