Medizinethische Reflexion im Kontext der Vergangenheit

Neben der Präsentation von medizinischem Fortschritte auf der MEDIZIN 2016 gab das Projekt „MinusPlus“ den Besucherinnen und Besuchern die Möglichkeit, einen Blick in die Vergangenheit der Medizin zu werfen.

Wer sich in das Foyer der Messe Stuttgart begab, wurde zunächst von dem sympathischen Lächeln eines jungen Mannes auf einem Plakat begrüßt, den die Konturen eines Fingerabdrucks überlagerten. Bei näherer Betrachtung jedoch stellte sich heraus, dass es sich bei diesem freundlichen Strahlen um das Gesicht des Rassenhygienikers und KZ-Arztes Josef Mengele handelte, der seinerzeit menschenverachtende Versuche an „lebensunwerten“ Menschen durchführte und für seine Zwillingsforschung Bekanntheit erlangte, die bis heute nachwirkt.

Dieses Plakat war eines von fünfzehn Werken, die im Rahmen des Projektes MinusPlus entstanden. Kunststudierende der PH Ludwigsburg hatten sich mit der Medizinethik heute und damals kritisch auseinandergesetzt und die Plakate designt, aus denen Besucherinnen und Besucher per Stimmzettel ihre drei Favoriten wählen konnten. Das Gewinnerplakat zeigt, was Ärztinnen und Ärzten heute wie damals abverlangt wird: Entscheidungen, die das Leben ihrer Patientinnen und Patienten maßgeblich beeinflussen.

Abb1
Gewinnerplakat der Studentin L. Molemans, gewählt von den Besucherinnen und Besuchern der MEDIZIN 2016

Umsäumt von den Plakaten eröffnete sich den Besucherinnen und Besuchern ein kleiner Raum, in dem eine fünfteilige audiovisuelle Collage abgespielt wurde. Darin wurden die geäußerten Einstellungen von Ärztinnen und Ärzten zur Thematisierung von „Medizin im Nationalsozialismus“, zum ärztlichen Berufsethos und zu aktuellen medizinethischen Konfliktsituationen in Ton und Bild präsentiert.
Flashmobartige Theaterszenen rissen die vorbeigehenden Zuschauer immer wieder aus dem Messealltag und regten nach anfänglicher Irritation zum Nachdenken an. Diese in Zusammenarbeit mit Ärzten entstandenen Szenen wurden von Schauspielstudierenden der Akademie für Darstellende Kunst Ludwigsburg aufgeführt.

Konzipiert und durchgeführt wurde das Kooperationsprojekt der Bezirksärztekammer Nordwürttemberg von C. Fahlbusch, J. Barton, L. Murgia und C. Lechner, vier Studentinnen der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, die im Rahmen ihres Projektsemesters im Studiengang Kultur- und Medienbildung neue Zugänge zur Thematik „Medizin im Nationalsozialismus“ entwickelt hatten.

Abb2
Kammerpräsident Dr. Ulrich Clever mit dem Projektteam (von links) C. Fahlbusch, J. Barton, L. Murgia und C. Lechner

Die einzelnen Ausstellungsstücke und das Theater wurden auch nach der Messe ein weiteres Mal öffentlich präsentiert – zum Anlass der Enthüllung des Mahnmals der Nordwürttemberger Ärzteschaft zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus, bei der eine Fassade des Kammergebäudes sogar zur Projektionsfläche der Gewinnerplakate wurde.

Auch künftig besteht für alle Interessierten weiterhin Zugang zu sämtlichen Projektinhalten und -ergebnissen über die Website der Landesärztekammer Baden-Württemberg. (Den entsprechenden Hyperlinik veröffentlich wir demnächst an dieser Stelle.)

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letzte Änderung am 11.02.2016