Neue Zugänge zur Thematik Medizin im Nationalsozialismus

Projekt MinusPlus

In Kooperation mit der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg hat die Bezirksärztekammer Nordwürttemberg das Projekt "MinusPlus" ins Leben gerufen. Ziel ist es, neue Zugänge zur Thematik Medizin im Nationalsozialismus zu entwickeln.

Minus und Plus - zwei Zeichen, die in den Meldebögen der ärztlichen Gutachter im Dritten Reich über Leben und Tod von Menschen entschieden. Die Frage, welche Faktoren die Menschen damals veranlassten, im Sinne einer Rassenideologie zu handeln beziehungsweise sich schlichtweg nicht zu widersetzen, bleibt. Inwiefern in der Medizin heute Parallelen zur Vergangenheit bestehen, sei dahingestellt. Doch was Ärztinnen und Ärzten damals wie heute abverlangt wird, sind Entscheidungen, die das Leben ihrer Patientinnen und Patienten maßgeblich beeinflussen. Dieser Zustand wirft die Frage auf: Welchen medizinethischen oder moralischen Kontroversen stehen Ärztinnen und Ärzte heute gegenüber?

Auf Basis dieser Fragen konzipierten und realisierten vier Studentinnen der Kultur- und Medienbildung das Projekt "MinusPlus". Da der Bachelorstudiengang der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg mit den Vertiefungsbereichen Theater & Literatur, Kunst, Musik sowie Film & digitale Medien verschiedene Felder der kulturellen Praxis abdeckt, konnte eine neue, künstlerische-kreative Auseinandersetzung mit dem Thema initiiert werden.

Ausgangspunkt des Projektes war eine quantitative Onlineumfrage mit 779 Teilnehmern, die im September 2015 die medizinethische Einstellung von Ärztinnen und Ärzten im Kontext des Nationalsozialismus erhob. Zwischen all den aufschlussreichen Erkenntnissen fielen einige Resultate besonders ins Auge: Obwohl das Thema Medizin im Nationalsozialismus in der Literatur weitgehend gut aufgearbeitet ist, gibt fast ein Fünftel der befragten Ärztinnen und Ärzte an, sich noch nie mit dieser Thematik befasst zu haben. Nahezu ein Drittel der Befragten stuft den eigenen Wissensstand hierzu als schlecht ein. Rund die Hälfte wäre gerne besser darüber informiert. Fünfzig Prozent der Befragten glauben ebenfalls, sich in ihrer Einstellung zu aktuellen medizinethischen Problemen von ihrem Wissen über die NS-Vergangenheit beeinflussen zu lassen (siehe Grafik).

An den aus der Befragung gewonnenen Erkenntnissen knüpft die weitere Projektarbeit von "MinusPlus" an. Ziel ist es, durch die Betrachtung historischer Ereignisse Aufmerksamkeit für schwierige Entscheidungssituationen in der eigenen Gegenwart zu schaffen.

An mehreren Themenabenden konnten sich Medizinerinnen und Mediziner mit kontroversen Charakteren aus der Geschichte auseinandersetzen. Aus dieser Reflexion des Berufsethos und der ärztlichen Rolle im Verlauf der Geschichte entstand eine audiovisuelle Collage, die auf der MEDIZIN Fachmesse Stuttgart vom 29. bis 31. Januar 2016 präsentiert wird. Auf der Messe unmittelbar erfahrbar wird auch das Ergebnis des zweiten Teilprojektes von "MinusPlus". Anhand der Umfrageergebnisse und den Erfahrungen aus dem Ärztealltag entstanden Theaterszenen, die aktuelle Problemfelder im geschichtlichen Kontext beleuchten. Das dritte Teilprojekt bedient sich der Bildenden Kunst. Im Zuge einer graphischen Auseinandersetzung wurden Plakate von Kunststudierenden gestaltet.

(Jennifer Barton, Laura Murgia, Carmen Fahlbusch, Cynthia Lechner)

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letzte Änderung am 10.12.2015