Sucht und hausärztliche Versorgung

Pressemitteilung für die Fachpresse

Stuttgart, 16. November 2011. Missbräuchlicher Konsum von Alkohol, Medikamenten oder Tabak ist weit verbreitet in Deutschland: Schätzungen zufolge wird jede Arztpraxis am Tag von fünf bis zehn suchtkranken oder erheblich suchtgefährdeten Patienten aufgesucht. „Gerade dem Hausarzt, der seine Patienten in der Regel über Jahre samt Lebensgewohnheiten, Lebenskrisen und familiärer Vorgeschichte kennt, wächst daher eine besondere Verantwortung zu“, resümiert Dr. Christoph von Ascheraden das heutige suchtmedizinische Symposium der Landesärztekammer Baden-Württemberg.

Der Facharzt für Allgemeinmedizin aus St. Blasien ist Vorsitzender des Ausschusses Suchtmedizin der Landesärztekammer Baden-Württemberg und berichtete bei der Veranstaltung aus seiner eigenen Praxis. Demnach suchen ihn die meisten Patienten mit einem Suchtproblem primär wegen anderer Beschwerden auf. Die Früherkennung einer Suchterkrankung oder einer Suchtgefährdung ist neben der Prävention eine wichtige hausärztliche Aufgabe. Verleugnungsstrategien und anfängliche Sprachlosigkeit gehören zur Suchterkrankung dazu. Doch in aller Regel sind die Patienten dankbar, wenn ihr Arzt dieses heikle Problem erkennt, sachlich und kompetent ohne zu diskriminieren anspricht und Lösungswege aufzeigt. „Deshalb sollten sich Hausärzte dieser Herausforderung mit Empathie und Professionalität stellen“, fordert Dr. von Ascheraden.

Nach der eingehenden Anamnese und Diagnostik muss ein gemeinsamer Behandlungsplan entwickelt werden, so die Suchtexperten beim Symposium. Als Optionen stehen u.a. zur Verfügung: ambulante oder stationäre Therapie, Entgiftung, Langzeittherapie, ambulante Nachsorge, Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe, Rückfallmanagement. Zusammen mit der örtlichen Beratungsstelle sollte dieser Behandlungsplan konsequent umgesetzt werden. Die Kenntnis des ärztlichen und therapeutischen Netzwerkes (Fachärzte, Kliniken mit Entzugsbehandlung, Fachkliniken sowie Beratungsstellen) versetzt den Hausarzt in die Lage, bei der Vermittlung und Begleitung des Patienten entscheidend mitwirken zu können.

Entgiftung, Entwöhnung und Nachsorge sind die drei Stationen jeder Suchtbehandlung bei stofflich begründeten Suchterkrankungen. Dabei ist in erster Linie die Frage zu stellen, ob eine ambulante oder eine primär stationäre Behandlung erforderlich ist. Bei den meisten Suchtformen ist eine ambulante Therapie dann möglich, wenn ein schweres Entzugssyndrom nicht zu erwarten ist und eine ausreichend stabile Arzt-Patienten-Beziehung besteht oder zeitnah hergestellt werden kann. Eine ausreichende Kontrolle muss gewährleistet sein, um gefährliche Entzugserscheinungen bis hin zum Delir ausschließen zu können. Sollte dies nicht der Fall sein, ist immer eine stationäre Entgiftung anzustreben. Bei den unterschiedlichen Suchtmitteln kann sie zwischen 5 und 14 Tage dauern, im Einzelfall (z. B. bei Benzodiazepinen) auch deutlich länger. Bevor eine Entgiftung eingeleitet wird, sollte über die Beratungsstellen oder direkt über die Versicherungsträger (meistens die Deutsche Rentenversicherung) eine gegebenenfalls erforderliche Langzeittherapie beantragt werden. Sinnvoll ist es, die Entgiftung zeitlich so einzuleiten, dass ein nahtloser Übergang für die Langzeitrehabilitation sichergestellt ist.

Für die Entgiftungsbehandlung stehen die meisten Krankenhäuser der Grund- und Regelversorgung zur Verfügung, es ist jedoch auch möglich, sie in den Zentren für Psychiatrie oder in ausgewiesenen Fachkliniken durchzuführen. Die Entgiftung in einem solchen Zentrum bietet den Vorteil, dass gleichzeitig die Diagnostik und evtl. auch die Behandlung für komorbide Störungen wie Depression, Schizophrenie, Persönlichkeitsstörungen, soziale Störungen etc. eingeleitet werden können. Schon vor Beginn der Behandlung ist es sinnvoll, sich mit dem Patienten Gedanken um ein wirksames und umsetzbares Nachsorgekonzept zu machen. Die Anbindung an örtliche Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen, eine klar strukturierte und auch terminlich festgelegte Kontrolle durch Haus- und Facharzt sowie gegebenenfalls eine ambulante Psychotherapie, sind in das gesamte Behandlungskonzept einzuschließen.

Entscheidend ist, dass es sich um eine komplexe Behandlung eines komplexen Krankheitsgeschehens bei oft multimorbiden Patienten handelt. Trotz aller Rückschläge: Suchttherapie lohnt sich, und zwar bei Jugendlichen, bei Erwachsenen und auch bei älteren Menschen. Es geht darum, Lebensqualität wieder herzustellen, Leiden zu lindern, schwere körperliche und psychiatrische Krankheiten soweit wie möglich zu verhindern und zu behandeln. „Für diese Aufgabe ist der Hausarzt in besonderer Weise prädestiniert“, gibt sich Dr. von Ascheraden überzeugt. Darin waren sich auch die Experten und hausärztlichen Teilnehmer des Suchtsymposiums der Landesärztekammer Baden-Württemberg einig.

Stand: 16.11.2011

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letzte Änderung am 16.11.2011