Nürnberger Ärzteprozess war Ausgangspunkt für Standards ärztlicher Ethik

Medizin ohne Menschlichkeit

Video zur Veranstaltung (September 2017):

Der Nürnberger Ärzteprozess fand vom 9. Dezember 1946 bis zum 20. August 1947 als erster der zwölf Nürnberger Nachfolgeprozesse gegen Verantwortliche des Deutschen Reichs zur Zeit des Nationalsozialismus vor einem amerikanischen Militärgericht statt. Offiziell wurde die Verhandlung als "Vereinigte Staaten vs. Karl Brandt et al." bezeichnet.

Karl Brandt war Begleitarzt von Adolf Hitler, SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Waffen-SS sowie Generalkommissar für das Sanitäts- und Gesundheitswesen – und damit der ranghöchste unter den Angeklagten. Insgesamt waren zwanzig KZ-Ärzte sowie ein Jurist und zwei Verwaltungsfachleute als Organisatoren von Medizinverbrechen des Nationalsozialismus angeklagt. Beispielhaft wurden in dem Prozess die Krankenmorde der Aktion T4, die Tötung von Häftlingen für die Anlage einer Skelettsammlung sowie unfreiwillige Menschenversuche behandelt. In der Liste der „Forschungsobjekte“ fanden sich unter anderem Versuche mit Unterdruck und Unterkühlung, mit Meerwasser, Fleckfieber-Impfstoffen, Sulfonamiden, Knochentransplantationen, Phlegmone-Versuche ebenso wie Versuche mit Giftgasen.

Nach 139 Verhandlungstagen ergingen am 20. August 1947 sieben Todesurteile sowie fünf Verurteilungen zu lebenslangen Haftstrafen und vier zu Haftstrafen zwischen zehn und zwanzig Jahren. Sieben Angeklagte wurden freigesprochen.
1946 war der Heidelberger Arzt Alexander Mitscherlich von den Ärztekammern der drei Westzonen mit der Leitung einer Kommission zur Beobachtung des Ärzteprozesses in Nürnberg betraut worden. Sein Auftrag lautete, "alles zu tun, um den Begriff der Kollektivschuld von der Ärzteschaft in der Presse und in der Öffentlichkeit abzuwenden".

Im März 1947 erschien die erste Prozess-Dokumentation unter dem Titel "Diktat der Menschenverachtung: Der Nürnberger Ärzteprozeß und seine Quellen" als Broschüre. Darin berichtete Mitscherlich gemeinsam mit seinem Mitarbeiter Fred Mielke über die Verbrechen deutscher Mediziner in den Konzentrationslagern. Der ursprüngliche Plan, einen Bericht in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift (DMW) zu veröffentlichen, war an der Ablehnung der Redaktion gescheitert. Die Broschüre wurde in der DMW und anderen Ärzteblättern nicht erwähnt und fand auch in der sonstigen Presse kaum Resonanz.

1949 erschien Mitscherlichs und Mielkes Buch "Wissenschaft ohne Menschlichkeit: Medizinische und Eugenische Irrwege unter Diktatur, Bürokratie und Krieg" über den NS-Ärzteprozess. Auch diese Veröffentlichung wurde nahezu nirgends bekannt. Über das Schicksal des Buches herrscht bis heute Unklarheit. Mitscherlich vermutete später, es sei von den Ärztekammern "in toto aufgekauft" worden, denn alle Exemplare seien "kurz nach dem Erscheinen aus den Buchläden verschwunden".

1960 erschien die Prozess-Dokumentation aus dem Jahr 1949 unter dem Titel "Medizin ohne Menschlichkeit" erneut - diesmal mit großer Resonanz. Mitscherlich und Mielke berichteten darin von 350 Medizinverbrechern unter 90 000 Medizinern im Dritten Reich. Das Buch widmete sich jedoch nicht den juristischen Fragen. Vielmehr dokumentierten die Herausgeber die wissenschaftliche Arbeitsweise, den ärztlichen Umgangsstil, das Milieu, in welchem sich dies abspielte, die Qualität der Forschungsarbeiten, die dabei verfolgten eugenischen und rassenpolitischen Ziele sowie die politischen und persönlichen Hintergründe der Geschehnisse. Seit Jahrzehnten gehört das Buch daher zu den Standardwerken über die Geschichte der nationalsozialistischen Zeit.

Aus diesem Grunde war es ein wichtiges Anliegen, den Studientag Ende September zu 70 Jahren Nürnberger Ärzteprozess ebenfalls "Medizin ohne Menschlichkeit" zu titulieren. Die Landesärztekammer Baden-Württemberg kooperierte bei dieser Veranstaltung unter anderem mit dem Lernort Geschichte, dem Hospitalhof Stuttgart und der Gedenkstätte Grafeneck. Über 130 Teilnehmer bewiesen, wie wichtig die Erinnerung an die Rolle der Ärzteschaft im Nationalsozialismus ist und welche Lehren für die heutige Zeit zu ziehen sind. Dass es dabei nicht nur um die Vergangenheit geht, machten Teilnehmer deutlich, als sie von der, wenige Tage zuvor stattgefundenen Bundestagswahl 2017 sprachen und ihre Sorgen und Ängste hinsichtlich des politischen Rechtsrucks zum Ausdruck brachten.
Drei überaus gehaltvolle Referate standen im Mittelpunkt des Studientages: Prof. Dr. Thomas Beddies vom Institut für Geschichte und Medizin und Ethik der Charité Berlin nahm eine historische und juristische Einordnung des Nürnberger Ärzteprozesses vor und ging dabei vor allem auch der Frage nach, wie das Urteil in der deutschen Ärzteschaft aufgenommen worden war. Thomas Stöckle, Historiker und Leiter der Gedenkstätte Grafeneck, fokussierte in seinem Referat auf den Anklagepunkt der NS-"Euthanasie"-Verbrechen. Prof. Dr. Florian Steger vom Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Universität Ulm beleuchtete ethische Normen für die Forschung am Menschen zwischen gestern und heute.

In der lebendigen Diskussion der Vorträge und in einer abschließenden Podiumsdebatte zwischen Referenten und Veranstaltern wurde deutlich, dass vor allem die aktive Auseinandersetzung mit der Rolle der Ärzteschaft im Nationalsozialismus eine Wiederholung der Geschichte vermeiden helfen kann. Daher wurde beispielsweise auch das Vorhaben der baden-württembergischen Ärzteschaft begrüßt, die eigene Historie zwischen 1920 und 1960 umfassend und wissenschaftlich aufarbeiten zu lassen und anschließend gegebenenfalls auch Konsequenzen zu ziehen.

Ärztekammerpräsident Dr. Ulrich Clever machte zudem am Beispiel von Formulierungen in der ärztlichen Berufsordnung deutlich, dass nicht nur den Ärzten, sondern auch der Ärztekammer eine ganz besondere Rolle und Verantwortung im Umgang mit ethischen (Grenz-) Fragen zukomme. Grundlage für entsprechende Passagen der Berufsordnung war unter anderem der sogenannte "Nürnberger Kodex", der seit seiner Formulierung in der Urteilsverkündung im Nürnberger Ärzteprozess insbesondere zu den medizinethischen Grundsätzen gehört.

Dieser Kodex besagt, dass bei medizinischen Versuchen an Menschen die freiwillige Zustimmung der Versuchsperson unbedingt erforderlich ist. Das heißt, dass die betreffende Person im juristischen Sinne fähig sein muss, ihre Einwilligung zu geben; dass sie in der Lage sein muss, unbeeinflusst durch Gewalt, Betrug, List, Druck, Vortäuschung oder irgendeine andere Form der Überredung oder des Zwanges, von ihrem Urteilsvermögen Gebrauch zu machen; dass sie das betreffende Gebiet in seinen Einzelheiten hinreichend kennen und verstehen muss, um eine verständige und informierte Entscheidung treffen zu können.

Der Nürnberger Kodex bildet ferner die Grundlage für die Deklaration von Helsinki als international anerkannter Standard ärztlicher Ethik. Auch in Deutschland beziehen sich beispielsweise die Ethikkommissionen der Universitäten und der Ärztekammern bei der Beurteilung klinischer Studien darauf. Die letzte Revision der Deklaration erfolgte 2013 bei der 64. Generalversammlung des Weltärztebundes, und nicht zuletzt die aktuell gültige Berufsordnung der Landesärztekammer Baden-Württemberg nimmt wiederum direkten Bezug darauf.

Der Studientag "Medizin ohne Menschlichkeit" machte ein Teilstück deutscher Chronik bedrückend präsent. Er betonte jedoch nicht die Schuld Einzelner, sondern er machte wichtige Zusammenhänge der Vergangenheit und unserer Zeit spürbar. Die aktive Auseinandersetzung der Teilnehmer mit den nationalsozialistischen Medizinverbrechen war zwar schmerzhaft - aber vor allen Dingen für alle sehr lehrreich.

letzte Änderung am 06.11.2017